Kommentar: Sigmar Gabriel - Das Alpha-Tier geht | Kommentare | DW | 08.03.2018
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Standpunkt

Kommentar: Sigmar Gabriel - Das Alpha-Tier geht

Auch beim Abgang bleibt er sich treu: Sigmar Gabriel war nie zu bändigen, und er ist am Ende an seinen abenteuerlichen Richtungsänderungen und an seiner mangelnden Solidarität gescheitert, meint Jens Thurau.

Ein Twitter-Monster ist Sigmar Gabriel, 58, SPD-Politiker, geschäftsführender Außenminister, eigentlich nicht. Am Donnerstag nutzte er den Kurznachrichtendienst aber doch mal, um mediengerecht die Botschaft unters Volk zu bringen: Sie wollen nicht mehr, ich werde der nächsten Bundesregierung nicht mehr angehören. Da hat er seiner Partei, der SPD, deren Vorsitzender er lange war, noch mal so richtig einen eingeschenkt. Denn die neue Führung um Olaf Scholz und der künftigen Vorsitzenden Andrea Nahles wollte eigentlich erst am morgigen Freitag verkünden, wer denn die sechs Minister im nächsten Kabinett von Angela Merkel sein werden. Und wer gehen muss. Aber wenn es um Sigmar Gabriel, seine Pläne, seine Ambitionen geht, kannte Gabriel noch nie Verwandte. Und das hat ihn letzten Endes zu Fall gebracht.

Gabriel ist überall - und eckt überall an

Was soll man sagen? Momentan ist Gabriel der beliebteste deutsche Politiker. Er hat den deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel durch beharrliche Diplomatie frei bekommen. Um das dann gleich öffentlichkeitswirksam zu inszenieren, damit das auch ja keiner vergisst. Er findet klare Worte gegenüber Donald Trump. Er reist unermüdlich, nach Moskau, auf den Balkan. Und er hat es innerhalb kürzester Zeit geschafft, sich mit allen wichtigen Parteigenossen heillos zu zerstreiten. Erst macht er Martin Schulz zum Parteichef und Kanzlerkandidaten, um dann sofort dessen Wahlkampf wo immer es geht zu sabotieren. Warum? Tja, wenn man das wüsste.

Mal dafür, mal dagegen

Noch ein paar Kostproben gefällig? Mal ist Gabriel wilder Befürworter der liberalen Flüchtlingspolitik der Kanzlerin und trägt im Bundestag einen Refugees welcome-Sticker, dann warnt er vor den Belastungen für die geringverdienenden Deutschen durch die vielen Migranten. Er fliegt nach Kairo und kritisiert noch im Flugzeug die Massenverhaftungen durch das Regime von Machthaber Al-Sisi, dann nennt er seinen Gastgeber vor konsternierten Journalisten einen beeindruckenden Präsidenten.

Thurau Jens Kommentarbild App

DW-Korrespondent Jens Thurau

Immer rund herum im Kreis, nie festlegen, die Gedanken springen frei herum. Nach der schlimmen Wahlniederlage seiner Partei im September wirft er den Sozialdemokarten vor, sich schlicht um die falschen Menschen, um die falschen Anliegen gekümmert zu haben. In einem Wort: Mehr Begeisterung für die Ehe für alle aufgebracht zu haben als für die Besserstellung unterer Lohngruppen oder die Gesundheitsversorgung auf dem Land. Und vergisst dabei natürlich zu erwähnen, dass er acht Jahre lang Vorsitzender dieser Partei war, so lange wie kein anderer nach Willy Brandt.

Privates und Politisches: Alle eins

Er kann sehr empfindlich sein, wenn es um ihn selbst geht. Er vermischt Politisches und Privates, er zieht seine kleine Tochter in die Öffentlichkeit, als er berichtet, sie habe ihm gesagt, er habe nun ja mehr Zeit für sie und müsse sich nicht mehr mit dem Mann mit dem Bart abgeben. Gemeint war Martin Schulz. Eine riesige Dämlichkeit. Gabriel entschuldigt sich, wie so oft. Er hat Pech, wenn man so will, dass Andrea Nahles jetzt Parteichefin wird, die als Generalsekretärin unter dem Vorsitzenden Gabriel eine furchtbare Leidenszeit zu durchstehen hatte. Oft ließ er sie neben sich wie ein Schulmädchen aussehen. Weil Gabriel neben sich wenige duldet, schon gar nicht auf Augenhöhe.

Trotzdem: Er wird fehlen

Sigmar Gabriel kann gewinnend sein, unterhaltsam. Er ist belesen und von breiter Bildung. Er hat feste Prinzipien. Die Aussöhnung mit Israel etwa, der Kampf gegen jede Form von Rassismus. Aber es gibt immer auch den anderen, den unberechenbaren, aufbrausenden Gabriel, jeder Kontrolle entzogen.

Vor vielen Jahren: Heimflug von einer Auslandsreise mit dem damaligen Umweltminister Gabriel. Eine Kollegin wird nach vorn in die Ministerkabine gebeten. Gabriel hat sich offenbar über einen Artikel der Kollegin geärgert. Sie kommt nach einigen Minuten zurück, wachsbleich. Gabriel hat sie nach allen Regeln der Kunst zusammengefaltet. Wenig später kommt er und entschuldigt sich. Immerhin.

So ist er, so wird er bleiben. Er hat die Beziehungen zu seinen Parteifreunden so auf die Spitze getrieben, dass am Ende nichts mehr ging. Und doch: Er wird mir fehlen. Stets suchen wir nach authentischen Politikertypen, die etwas anderes darstellen als den Standardtypus aus den Managerseminaren. Gabriel ist so einer. Aber er bringt einen um den Verstand.  

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