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Kommentare

Kommentar: Sieg auf Zeit

Paukenschlag in Wolfsburg: Martin Winterkorn bleibt Chef des VW-Konzerns. Er hat sich vorerst gegen Ferdinand Piëch durchgesetzt. Ist das gut für die Zukunft des Autobauers? Henrik Böhme hat da seine Zweifel.

Ich gebe zu: Das hat mich überrascht. Martin Winterkorn bleibt Chef des Volkswagen-Konzerns, sein Vertrag soll sogar verlängert werden. So hat sich für ihn die Reise nach Salzburg am Donnerstag (16.04.2015) also doch gelohnt. Dort hatte der engste Führungszirkel über die Zukunft an der Konzernspitze beraten, knapp eine Woche, nachdem Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch Winterkorn öffentlich das Vertrauen entzogen hatte. Winterkorn war extra nach Österreich eingeladen worden, wo die Großaktionäre, die Familien Porsche und Piëch ihren Sitz haben.

Zwar musste Winterkorn am Abend noch eine heftige Niederlage des Wolfsburger Fußballklubs verkraften, aber da wusste er schon, dass er die Schlacht um seinen Job gewonnen hatte. Das dürfte die Sache erträglich gemacht haben.

Nur: Was bedeutet dieser Sieg für den Konzern, den er führt?

Deutsche Welle Henrik Böhme Chefredaktion GLOBAL Wirtschaft

Henrik Böhme, DW-Wirtschaftsredaktion

Zunächst einmal Ruhe für den Moment. Denn selbst wenn die Führungskrise nur ein paar Tage schwelte, der Imageschaden ist schon groß genug. Angezählt ist nicht nur Martin Winterkorn selbst. Er hat zwar noch immer einen großen Rückhalt in der Belegschaft, doch die Führungsebene bei Volkswagen ist und bleibt eine Schlangengrube. Beispiel gefällig? Der mächtige Betriebsratschef Bernd Osterloh, der sich jetzt demonstrativ hinter den Vorstandsvorsitzenden gestellt hat, hat eben diesen Martin Winterkorn vor einiger Zeit auf seine Weise düpiert: Als Winterkorn sein Fünf-Milliarden-Sparpaket vorlegte, präsentierte Osterloh ein 400 Seiten starkes Dokument als Alternativ-Plan: Nach dem Motto: So geht das.

Wer hinter einem steht, der kann auch ein Messer in der Hand haben.

Natürlich werden nun alle, die sich schon Chancen auf den Vorstandsposten ausgerechnet hatten, an Winterkorns Stuhl sägen, auf seine Fehler lauern und sich in Position bringen. Aber gut: Der Chefsessel eines Konzerns mit 600.000 Leuten und einem Umsatz, der fast der Wirtschaftsleistung Finnlands entspricht, ist keine Wellness-Oase. Mit knapp 16 Millionen Jahresgehalt kann man sich aber auch auf einem Nagelbrett wohlfühlen.

Und es bleibt noch eine ganz wichtige Frage: Was macht jetzt eigentlich Ferdinand Piëch? Winterkorn ist sein Ziehsohn, in beider Adern fließt Motoröl. Jetzt wollte er ihn mit nur einem Satz abservieren, wie es so seine Art ist und die schon andere Top-Manager zur Strecke gebracht hat. Auf den ersten Blick ist Piëch der Verlierer. Aber ich bin ganz sicher: Er hat noch etwas in der Hinterhand, von dem wir noch nicht wissen, was es ist. Ein solcher Abgang von der großen Autobühne? Mit einer schmählichen Niederlage? Niemals. Nein. Da kommt noch was nach. Die Ruhe zwischen Wolfsburg und Salzburg, sie ist trügerisch. Die Lunte schwelt. Der Konzern braucht dringend eine neue Struktur. Piëchs Winterkorn-Demontage war nur der Aufschlag zu einem großen Umbau, den der alte Patriarch noch einleiten will. Ob man das mit solch seltsamen Methoden machen muss? Ich habe da meine Zweifel.