Kommentar: Sex & Crime gefährden den Literaturnobelpreis | Kommentare | DW | 14.04.2018
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Standpunkt

Kommentar: Sex & Crime gefährden den Literaturnobelpreis

Lesen, diskutieren, entscheiden - die Schwedische Akademie in Stockholm vergibt seit mehr als 100 Jahren den Nobelpreis für Literatur. Nach den jüngsten Skandalen muss sie gründlich reformiert werden, meint Stefan Dege.

Die Schwedische Akademie in Stockholm - Die Achtzehn (picture alliance/dpa/H. Montgomery)

Eine ehrwürdige Institution, die in gediegenem Rahmen tagt: die Schwedische Akademie in Stockholm

Wer ihn bekommt, kann berühmt und sehr sehr reich werden: Der Nobelpreis ist die wohl begehrteste Auszeichnung des Literaturbetriebs. Vergangenes Jahr ging er an den japanischstämmigen Briten Kazuo Ishiguro. Davor war der US-Musiker Bob Dylan dran, 2015 die Weißrussin Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch. So umstritten die Wahl der Preisträger gelegentlich war - an der Akademie gab es selten so viel Kritik wie jetzt. Und nie war sie berechtigter.

Geld, Geheimnisverrat und sexuelle Übergriffe

Es geht um Korruption, Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung: Das Akademie-Mitglied Katarina Frostenson soll über Subventionen für den kommerziellen Kulturverein ihres Mannes mitentschieden und die Namen von sieben Nobelpreisträgern vorzeitig ausgeplaudert haben. Ihrem Mann Jean-Claude Arnault werfen mehrere Frauen sexuelle Übergriffe vor. Es ist ein handfester Skandal, der die ehrwürdige Institution erschüttert.

Porträt - Stefan Dege (DW/K. Dahmann)

DW-Redakteur Stefan Dege

Damit nicht genug: Inzwischen hat sich - nach drei Mitgliedern und der beschuldigten Lyrikerin - auch die Vorsitzende des Gremiums, Sara Danius, zurückgezogen. Mit elf verbliebenen Mitgliedern ist die Akademie, die aus Schriftstellern, Literatur- und Sprachwissenschaftlern sowie Historikern besteht, nicht mehr beschlussfähig. Nach den geltenden Statuten müssen mindestens zwölf am Tisch sitzen, um neue Mitglieder wählen zu können.

Spätestens jetzt läuten auch im Palast des Königs die Alarmglocken: Carl XVI. Gustaf hat sich eingeschaltet - wenn auch reichlich spät. Denn die 18 Akademie-Mitglieder sind auf Lebenszeit gewählt. Sie können ihre Sitze gar nicht vorzeitig abgeben und diese auch nicht nachbesetzt werden. Der König verspricht nun eine Überprüfung der Statuten. Das ist auch dringend notwendig, schon im Interesse der Literatur!

Kann ein Preisträger 2018 gefunden werden?

Wie schnell so eine Reform möglich ist? Schon jetzt dürfte der Skandal den Zeitplan von Akademie und Nobelkomitee durcheinander gewirbelt haben. Derzeit brüten die Experten der Akademie über hunderten Vorschlägen für den Literaturnobelpreis 2018. Doch ob sie bis Oktober einen Preisträger finden, der dann am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel, in Stockholm feierlich verliehen werden kann, das steht in den Sternen.

Zwar folgte die Nobelpreisjury schon in der Vergangenheit immer wieder auch Zwängen - mal der Politik, mal der Quote. Und nicht zuletzt sprachen die kontinentale Arithmetik oder auch ästhetische Gründe für bestimmte Preisträger. Der Literaturnobelpreis aber, da dürfte sich die Literaturwelt einig sein, hat seinen unverrückbaren Platz im Kulturleben. Ihn zu gefährden, wäre fahrlässig. Was allerdings nicht gilt für die Schwedische Akademie und ihre Statuten.

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