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Standpunkt

Kommentar: Selbstgespräche in Paris

Die fünf Spitzenkandidaten für die französische Präsidentschaftswahl haben eine erste TV-Debatte absolviert. Wissen die Bürger jetzt mehr? Das war zu lang, zu pädagogisch und nicht kämpferisch genug, meint Barbara Wesel.

Frankreich Präsidentschaftswahlen TV Debatte (Reuters/P. Kovarik)

Die fünf Kandidaten (v. li.): Francois Fillon, Emmanuel Macron, Jean-Luc Melenchon, Marine Le Pen, Benoit Hamon

So wird das nichts. Drei Stunden lang haben die fünf Kandidaten ihrem Wahlvolk versucht zu erklären, wofür sie stehen, was sie politisch wollen und warum er oder sie die ideale Person wäre, um in den Präsidentenpalast einzuziehen. Und man muss die Geduld des Publikums bewundern, denn rund zehn Millionen Franzosen haben sich die Veranstaltung angesehen. Entweder weil die Leute glaubten, der eigentliche Knaller käme vielleicht erst kurz vor Mitternacht. Oder weil sie ernsthaft nach politischer Information suchten. Aber die Runde neigte zum Selbstgespräch. Und am Ende war der sprichwörtliche arme Tor wohl genauso klug als wie zuvor.

Gab es einen Nichtangriffspakt?

Man hätte ja durchaus erwarten können, dass bei diesem Treffen die Fetzen fliegen. Schließlich saß der König der Skandale in der Runde und hätte eigentlich sowohl die Entgegennahme teurer Geschenke als auch die virtuelle Beschäftigung seiner Ehefrau rechtfertigen müssen. Aber Francois Fillon kam ungeschoren davon. Nur Alt-Sozialist Jean-Luc Mélenchon erntete ein paar Lacher mit der Anmerkung, was dessen juristische Probleme angehe, sei der Kandidat "scheu wie eine Gazelle". Ansonsten aber herrschte vornehme Zurückhaltung, und Fillon konnte sich präsidentiell und staatsmännisch geben. War da was?

Barbara Wesel Kommentarbild App *PROVISORISCH*

Barbara Wesel ist DW-Korrespondentin in Brüssel

Die Frage bleibt, ob die Franzosen einen solchen Teflon-Kandidaten wollen. Einen, der die Justiz verantwortlich macht für die eigene Raffgier und der frei nach Trump von Verschwörung munkelt, wenn es ihm an den Kragen geht. Dabei war es gerade diese politische Klasse, mit den Fingern ständig in den Honigtöpfen, die in Frankreich ein Gefühl der Revolte erzeugt und einen Teil der Wähler in die Arme von Marine Le Pen getrieben hat.

Wobei diese Dame aus genau dem gleichen Holz geschnitzt ist: Sie schüttelt die Vorwürfe wegen unrechtmäßiger Verwendung europäischer Gelder schlicht von sich ab. Das ist für sie nicht der Rede wert. Marine Le Pen will in den Elysée-Palast und sieht sich sowieso über dem Gesetz. Leider kann sie sich da hinter den breiten Schultern des früheren Saubermanns Fillon verstecken. Und die anderen Kandidaten lassen den Beiden das durchgehen

Haben wir etwas gelernt?

Wenn es schon nicht um die politische Moral ging, wurden dann wenigstens die Programme der Kandidaten gründlich abgeklopft? Auch hier leider Fehlanzeige: Le Pen konnte unwidersprochen ihren "patriotischen Protektionismus" als Wirtschaftsmodell verkaufen. Das klang ziemlich nach "Frankreich first", eine Absage an Binnenmarkt und Freihandel und eine Rückkehr ins Vorgestern. Ein Programm für politische Nostalgiker.  

Aber die Front National-Kandidatin konnte diesen ökonomischen Unsinn unwidersprochen ausbreiten. Auch die anderen Kandidaten drapierten ihre politische Ware wie am Marktstand und boten je ein halbes Pfund "Grundeinkommen für alle" oder "Arbeitsplätze durch Umweltschutz" in Tüten an. Emmanuel Macron aber, nach den Umfragen der eigentliche Gegenspieler von Le Pen, agierte den ganzen Abend wie mit angezogener Handbremse. Er hat zu viel Respekt vor der Demagogie der Front National-Chefin und offensichtlich eine Beißhemmung. Die wird er bis zur Schlussdebatte allerdings noch ablegen müssen.

Was Macrons eigene Botschaft von der notwendigen Veränderung an allen Fronten angeht: Sie ist vermutlich genau, was die erstarrte französische Republik braucht. Aber er muss deutlich mehr Mut zeigen, diese Position zu vertreten. Veränderung ist nichts für Feiglinge, Macron muss seinen Landsleuten ein entschlossenes "Courage!" zurufen. Sonst gibt es wieder nur ein heilloses Herumeiern wie schon unter Francois Hollande.

Was bleibt?

Der König der Debatte war der alte Haudegen und Linkssozialist Jean-Luc Mélenchon. Es geht doch nichts über die alte Kaderschulung. Er verwies jedenfalls seinen Kollegen von den Sozialisten auf den zweiten Platz bei der Linken. Marine Le Pen ist lange nicht so gut, wie sie glaubt. Was eine Erleichterung für ihre Gegner ist. Emmanuel Macron muss noch viel lernen, und zwar ganz schnell. Und Francois Fillon ist noch nicht ganz weg vom Fenster, auch wenn die Meinungsforscher das nahelegen. Außerdem trägt er den besten Anzug - aber das ist auch nicht weiter erstaunlich. Vermutlich gilt hier der Satz: Geschenktem Jackett schaut man nichts unters Revers. 

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