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Welt

Kommentar: Schwierige Weltkriegslehren

Die Ukraine-Krise provoziert historische Vergleiche. Droht ein Krieg in Europa, so wie 1914? Oder ähnelt die Lage eher 1939? In diesem Fall taugt die Geschichte nur bedingt als Lehrmeisterin, meint Christian F. Trippe.

Frankreichs Kriegsschiff Mistral (Foto: AFP/Getty Images)

Eines der Mistral-Kriegssschiffe, die Russland in Frankreich geordert hat

Soviel Einigkeit war selten: Europäer und Amerikaner verurteilen Putins Brachialpolitik. Die EU verschärft die Sanktionen gegen Russland. Die NATO passt ihre strategische Ausrichtung der neo-imperialistischen Moskauer Außenpolitik an. Frankreich hat nach langem Zögern die Lieferung eines Kriegsschiffes an Russland gestoppt. Deutschland, Italien und andere haben sich dazu durchgerungen, ihre wirtschaftlichen Interessen hintanzustellen. Der "Westen" - seit einigen Monaten ist dieser Begriff ja zurück in der politischen Debatte - schließt die Reihen.

Risse werden erst sichtbar, wenn die heutige politische Großwetterlage eingeordnet wird in Europas historischen Erfahrungshorizont. Die Ukraine-Krise fällt in ein Jahr, in dem Europa zweier Ereignisse gedenkt, die dem Kontinent ihre blutigen Stempel aufdrückten: 1914 und 1939 - hundert Jahre Ausbruch des Ersten Weltkriegs, 75 Jahre Beginn des Zweiten Weltkrieges. Die russische Aggression gegen die Ukraine drängt die Vergleiche nahezu auf.

"Gleichzeitigkeiten können manchmal Gänsehaut verursachen", sagte der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier auf einer Diskussionsveranstaltung zum Ersten Weltkrieg. Das Versagen der Diplomatie vor hundert Jahren ist der deutschen Politik Menetekel und Ansporn zugleich. Nicht noch einmal soll in Europa ein großer Krieg ausbrechen, weil politische Fehler gemacht werden! Dahinter steht die Überzeugung, durch handwerklich gute Diplomatie sei das Schlimmste abzuwenden. Die deutsche Außenpolitik 2014 nimmt sich die Welt des Jahres 1914 zur Folie.

Christian Trippe, DW-Sonderkorrespondent (Copyright: DW)

Christian Trippe, DW-Sonderkorrespondent

Wer in Deutschland hingegen einen anderen Bezugspunkt erkennt, wer in Putins Politik Muster wiedererkennt, die Deutschlands Expansionskurs in den dreißiger Jahren ähneln, der steht auf verlorenem Posten. Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble musste das erfahren, als er einen derartigen Vergleich zog. Das Auswärtige Amt pfiff ihn zurück. Putin-Hitler-Vergleiche sind in Deutschland mit einem Tabu belegt.

Andernorts aber wird sehr wohl ausgesprochen, welche Ähnlichkeiten im außenpolitischen Gebaren sich aufdrängen: Das imperiale Ziel, die Aufrüstung, das Spiel mit der völkischen Karte, ein kaltschnäuziges Brechen bestehender völkerrechtlicher Verträge und Vereinbarungen, und das alles unterlegt mit einer hysterisch überdrehten Propaganda.

Auf dem EU-Gipfel Ende August hat der britische Premier David Cameron davor gewarnt, gegenüber Putin die Fehler zu wiederholen, die gegenüber Hitler in den dreißiger Jahren gemacht worden seien. Das "Appeasement", die britische und die französische Beschwichtigungspolitik, hatte den deutschen Diktator damals nicht stoppen können. Cameron rät deshalb zu mehr Härte und Entschiedenheit, und diese Sicht teilen Polen und Balten und Skandinavier ausdrücklich. Ihnen dient das Europa am Vorabend des Zweiten Weltkrieges als Folie für ihre heutige Russland-Politik.

Wie alle historischen Vergleiche bietet auch eine Analyse der Situation vor Ausbruch der großen Kriege nur eine grobe Orientierung. Wer nur auf 1914 schaut, übersieht leicht, welche zerstörerische Rolle ein einzelnes, zu allem entschlossenes Land spielen kann. Und wer sich ausschließlich auf 1939 fokussiert, dem entgehen vielleicht entscheidende Optionen, die Krise zu entschärfen. Beides wäre 2014 fatal.

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