Kommentar: Schleichweg nach Pyeongchang  | Sport | DW | 29.01.2018
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Paralympics

Kommentar: Schleichweg nach Pyeongchang 

Bei den Olympischen Spielen in Rio war das Internationale Paralympische Komitee noch der Musterknabe in Sachen konsequenter Haltung gegen Doping. Nun knickt das IPC ein und argumentiert seltsam, meint Joscha Weber.

Russland Winter Paralympics 2014 russisches Team (Getty Images/H. Peters)

Nicht unter russischer Flagge, dennoch in Mannschaftsstärke dabei: russische Athleten bei den Paralympics 2018

Man stelle sich einmal vor: Ein Sportler wird des Dopings überführt. Eindeutig und mit gerichtsfesten Beweisen. Die logische Folge: Eine Dopingsperre wird ausgesprochen. Doch dann die Kehrtwende: Weil der Athlet nach seinem Dopingvergehen "erhebliche Fortschritte" gemacht habe, wird die Sperre kurze Zeit später wieder aufgehoben, der Athlet darf starten. Die Rechtsprechung der Vergangenheit wird mit einer angeblichen Verbesserung des Verhaltens in der Gegenwart schnell wieder aufgehoben. Es wäre eine Aushöhlung der wichtigsten Waffe, die der Anti-Doping-Kampf besitzt: der Dopingsperre. Was auf der Ebene des einzelnen Athleten unvorstellbar klingt, geschieht gerade aber auf der Ebene der Verbände.

Denn nach dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) lässt nun auch das Internationale Paralympische Komitee (IPC) russische Athleten unter neutraler Flagge bei den Spielen von Pyeongchang starten. Trotz eines nachgewiesenen, flächendeckenden Doping-Systems mit mehr als 1000 beteiligten Sportlern. Trotz Beweisen für die Beteiligung des russischen Geheimdienstes FSB und Mitwisserschaft der Regierung Putin. Trotz der verweigerten Anerkennung des belastenden McLaren-Reports der WADA durch Russland. Ja, auch das IPC hat Russland als Nation von den Winterspielen in Südkorea ausgeschlossen - zugleich aber auch angeblich "sauberen" russischen Athleten (der Nachweis dafür bleibt unklar) die Hintertür über den Start unter neutraler Flagge erlaubt. Als würde die Flagge etwas ändern. Und die Begründung lässt Zweifel an der Stringenz der paralympischen Bewegung im Anti-Doping-Kampf aufkommen. Das gesperrte Russische Paralympische Komitee (RPC) habe "große Fortschritte gemacht, und das erkennen wir an", so IPC-Präsident Andrew Parsons. Sind damit die erheblichen Regelverstöße des RPC und seiner Sportler schon wieder vergessen?

Das IPC vergisst seine eigene Enttäuschung

Weber Joscha Kommentarbild App

DW-Sportredakteur Joscha Weber: "Der Delinquent erhält also ohne Anerkennung von Schuld eine Milderung der Strafe"

Dabei hatte eben jener Andrew Parsons kürzlich noch kritisiert, dass die Russen "zu unserer wachsenden Enttäuschung und Frustration" immer noch keine offizielle Stellungnahme zu den Ergebnissen des McLaren-Reports abgegeben haben, also entweder einer Anerkennung oder einer - stichhaltigen - Zurückweisung der darin aufgeführten Beweise. Der Delinquent erhält also ohne Anerkennung von Schuld eine Milderung der Strafe. Das muss man als Außenstehender nicht verstehen.

Vorbei ist also die Zeit, als der damalige IPC-Präsident Philip Craven bei den Paralympics in Rio einen Komplettausschluss des russischen Teams durchsetzte und mit seiner klaren Anti-Doping-Haltung zugleich das größere IOC in Erklärungsnöte brachte. Nun lässt das IPC also auch rund 35 russische Sportler zu den Spielen und ließ dazu in einer Mitteilung verlauten: "Wir hoffen, dass diese Entscheidung vom RPC vollständig akzeptiert wird." Fast klingt es, als brauche das IPC wirklich die Anerkennung eines nationalen Verbandes, der den Dachverband vor Kurzem noch arglistig täuschen wollte. "Leider hat sich das IPC nun irgendeinem Druck gebeugt", glaubt der Präsident des Deutschen Behindertensportverbands Friedhelm Julius Beucher und er könnte der Wahrheit damit recht nahe kommen.

Es ist ein bizarres Spiel, was der olympische und paralympische Sport derzeit vollzieht, um den russischen Sport trotz Betruges in unfassbarem Ausmaß möglichst schnell wieder in die große Sportfamilie zu integrieren. Ohne echtes Schuldeingeständnis. Ohne russische Aufarbeitung der Vergangenheit. Ohne mehr Hoffnung auf einen fairen Wettkampf. Der Schleichweg nach Pyeongchang ist geebnet.

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