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Deutschland

Kommentar: Schlechte Startchancen für junge Migranten

Jugendliche mit türkischen Namen haben schlechtere Chancen auf eine Lehrstelle als Bewerber mit deutschen Namen, so das Ergebnis einer Studie. Das ist nicht nur unfair, sondern auch unökonomisch, meint Verica Spasovska.

Wer Mehmet heißt statt Lukas, hat es bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz in Deutschland schwerer als sein deutscher Mitbewerber. Die Studie des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen belegt erstmals, was viele junge Türken in Deutschland spüren und zu Recht beklagen. Im Wettbewerb mit gleich gut qualifizierten jungen Deutschen haben sie das Nachsehen, weil stereotype Vorstellungen der Arbeitgeber noch immer so funktionieren, dass sie der "eigenen" Gruppe bei Personalentscheidungen den Vorzug geben. Junge Türken müssen immer noch etwas besser sein, sich mehr anstrengen als deutsche Berufseinsteiger, um ihre schlechteren Startchancen auszugleichen. Das Gefühl der Benachteiligung ist also nicht aus der Luft gegriffen. Die Studie bestätigt vielmehr schwarz auf weiß die Ungleichbehandlung junger Türken beim Berufseinstieg. Sie zeigt, dass die Enkel der Gastarbeiter immer noch nicht selbstverständlicher Teil der deutschen Gesellschaft sind. Das ist schmerzlich für diejenigen, die Diskriminierungserfahrungen machen. Es ist auch ein Armutszeugnis für die vielbeschworene Willkommenskultur in Deutschland. Es ist nicht zuletzt unökonomisch für ein Land, in dem Fachkräfte dringend gebraucht werden.

Paradoxerweise wirbt die deutsche Wirtschaft um die klugen Köpfe im Ausland, während sie das Potenzial im eigenen Land nicht ausschöpft. Deutschland ist ein demografisch alterndes Land, das einen bedeutenden Mangel an Fachkräften hat. Um sie nach Deutschland zu holen, bemüht sich die Politik, Hürden bei der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse abzubauen. Zudem sollen künftig in ganz Deutschland die Mitarbeiter in den Ausländerbehörden geschult werden, um Zuwanderer freundlicher und sensibler zu empfangen. Das ist alles richtig. Aber der Blick ins Ausland darf den Blick auf die eigene Bevölkerung nicht verstellen.

Um die Mauern im Kopf einzureißen, machen die Forscher der Studie eine Reihe kluger Vorschläge: anonymisierte Bewerbungen, interkulturelles Training der Ausbilder, Zertifizierung sogenannter "Diversity-Unternehmen" mit einem besonders hohen Anteil von Mitarbeitern mit ausländischen Wurzeln. Diese Maßnahmen weisen in die richtige Richtung. Auch wenn die Erfahrungen mit anonymisierten Bewerbungen zeigen, dass das Problem zumeist nur bis zum Vorstellungsgespräch verschoben wird. Dann ist es mit der Anonymität vorbei. Trotzdem sollte alles getan werden, um Vorurteile abzubauen.

Die Studie kann darüber hinaus auch dazu beitragen, die notwendige öffentliche Debatte um Integration in Deutschland zu versachlichen. Arbeitgeber, die jungen Türken keine Chance geben, sollten sich fragen, inwieweit sie Potenziale verspielen. Aber ebenso sind die Medien in dieser Debatte gefordert. Je weniger sie Menschen mit ausländischen Wurzeln als Bedrohung für die Erwerbsbevölkerung darstellen, sondern als Potenzial, desto eher kann ein Perspektivwechsel einsetzen.

Was bedeutet das für Mehmet, der sich viel häufiger bewerben muss als sein deutscher Konkurrent, um den ersehnten Ausbildungsplatz zu bekommen? Er sollte darauf setzen, dass sich Blickwinkel auch verschieben können. Auch wenn das dauert. Währenddessen kann er zeigen, dass er sich nicht unterkriegen lässt. Dass schlechte Startchancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt ein Hindernis sind, das man überwinden kann, das beweisen unzählige Erfolgsgeschichten von Menschen mit ausländischen Wurzeln. Auch sie sind ein Teil der deutschen Wirklichkeit.