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Standpunkt

Kommentar: Schlachtfest bei der Präsidentschaftsdebatte

Sieger war am Ende mit Abstand Emmanuel Macron. Die Debatte zwischen ihm und Marine Le Pen aber beweist kaum mehr, als dass man mit der extremen Rechten nicht diskutieren kann, meint Barbara Wesel.

An diesem Abend wurden einige Rekorde geschlagen: Die Debatte zwischen Macron und Le Pen war der brutalste Streit zwischen zwei Präsidentschaftskandidaten in der französischen Geschichte. Noch nie sind zwei Spitzenpolitiker hier so frontal und aggressiv aufeinander losgegangen. Außerdem war Emmanuel Macron der jüngste Kandidat aller Zeiten und Marine Le Pen hat die meisten Lügen aufgetischt, die je in zweieinhalb Stunden vor laufenden Kameras erzählt wurden.

Macron hat sich gut geschlagen

Der liberale Präsidentschaftskandidat hat gezeigt, dass er starke Nerven hat. Er war gut vorbereitet und hat sich besser geschlagen, als man befürchten konnte. Denn eine im politischen Nahkampf so erfahrene Gegnerin wie Marine Le Pen zu schlagen, ist wie mit bloßen Händen einen Panzer aufzuhalten. Aber Macron hat bewiesen, dass hinter seiner mild-intellektuellen Fassade Stahl liegt.

Er schnitt Le Pen beinahe ebenso das Wort ab wie sie ihm, attackierte sie als Parasitin des politischen Systems, als Erbin einer Dynastie von Rechtsradikalen, als Hasspredigerin und Angstmacherin. Da saß jeder Schlag. Denn Le Pens Strategie war von vornherein klar: Sie überschüttete ihren Gegner mit Beleidigungen, denunzierte ihn als Hollande-Zögling und unsozialen Finanzmarkt-Sklaven, wohl in der Hoffnung er würde die Nerven verlieren. Aber Macron blieb ungerührt und teilte so gut aus wie er einsteckte. 

Die Stärke des liberalen Kandidaten liegt in der Wirtschaftspolitik. Und da entblößte er die ganze Leere von Le Pens Slogans. Sie hat keine Ahnung wie Firmen funktionieren, was eine Währung ist, wie sich Frankreichs Wirtschaft entwickelt, wie man Arbeitslosigkeit bekämpft. Da drängte Macron die FN-Chefin locker an die Wand. 

Le Pen und ihre Lügen

Marine Le Pen dagegen ist die fleischgewordene Propaganda. Und dabei ist es egal, ob ihre Aussagen auch nur in der Nähe der Wahrheit liegen. Was sie über den Euro erzählte, die Höhe des französischen EU-Beitrages oder die Wohltaten des Brexit - alles Unsinn. Die Fakten-Prüfer der Zeitung "Le Monde" zählten bei Le Pen 19 Lügen und falsche Behauptungen.

Barbara Wesel Kommentarbild App *PROVISORISCH*

Barbara Wesel ist Korrespondentin im DW-Studio Brüssel

Bei ihrem sogenannten Wirtschaftsprogramm aber traf Macron ins Schwarze als er Le Pen vorwarf: Sie versprechen alles und sagen nicht, wie sie irgendetwas davon finanzieren wollen. Das ist folgerichtig, denn im Mittelpunkt ihrer Politik steht kein Programm, da steht eine Ideologie. Mit einer riesigen Gelddruckmaschine im Hintergrund.  

Tatsächlich können die rund 40 Prozent der französischen Wähler, die mutmaßlich Le Pen wählen werden, nicht so dumm sein wirklich an die Versprechen des Front National zu glauben. Aber sie möchten das alles gern glauben. Sie wollen die Größten sein und zwar global: wenig Arbeit, frühe Rente, keinen Wettbewerb, und endloses Fahnenschwingen. In Osteuropa wurde früher über die Segnungen der kommunistischen "Arbeiterparadiese" gespottet. Viele Franzosen träumen jetzt vom Paradies nach Art der Rechtsradikalen.  

Der ewige Deutschenhass

Eine Fußnote noch zum immer wiederkehrenden Deutschenhass: Le Pen unterstellt, Schuld an den Wirtschaftsproblemen Frankreichs hätten auch die Deutschen. Und sie behauptete, Angela Merkel sei die eigentliche Herrscherin im Land. Das kann nicht sein, dann wäre es in besserem Zustand.

Auch Macron hat schon auf dieser Klaviatur gespielt, wenn auch etwas subtiler. Dazu nur eins: Liebe Nachbarn, fasst euch endlich an die eigene Nase und sucht die Schuld nicht immer bei anderen. Ihr seid für Euch selbst verantwortlich - ein für alle Mal.

Diskussion mit Rechtsradikalen ist fruchtlos

Der Unterhaltungswert dieser Debatte war beträchtlich. Aber haben die Zuschauer was gelernt? Am Ende sahen die rund 61 Prozent der Franzosen Macron als Sieger, die ihn wohl am Sonntag auch wählen werden. Er hat gezeigt, dass er etwas von Wirtschaft versteht, die Fakten kennt und notfalls auch weit unter seinem Niveau kämpfen kann.

Und wer Le Pen-Anhänger ist, wird es auch nach diesem entlarvenden Streit bleiben, in dem sie sich als würdige Tochter ihres faschistoiden Vaters erwiesen hat, als Königin der Beleidigungen und des Stammtisch-Gegröles. Wem das gefällt, wer die nationalistischen Parolen, den Fremdenhass, die Ausgrenzung und den hohlen Patriotismus will, der wird Marine Le Pen trotzdem wählen. Es geht beim Front National nicht um Verstehen, sondern um Glauben. Keine Debatte - nicht die schärfste und klügste - kann eine solche Ideologie besiegen. Historische Parallelen sind hier kein Zufall. Und es soll hinterher in Frankreich keiner sagen, er hätte es nicht gewusst.

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