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Standpunkt

Kommentar: Schach als Kontrastprogramm der Generation Smartphone

Die Schach-WM zwischen dem Norweger Magnus Carlsen und dem Russen Sergej Karjakin hat weltweit Interesse geweckt - vor allem im Internet. Anders als im Fernsehen funktioniert dort der Denksport, meint Holger Hank.

USA Schach Weltmeisterschaft in New York - Karjakin & Carlsen (Getty Images/AFP/E.M. Alvarez)

Sieg für Schwarz: Magnus Carlsen (re.) bleibt Schachweltmeister, Sergej Karjakin (li.) konnte ihn nicht entthronen

"Schach ist Krieg", hat der frühere Weltmeister Bobby Fischer einmal gesagt. Als er 1972 mitten im Kalten Krieg seinen russischen Gegner Boris Spassky niederrang, interessierte das die ganze Welt. Ganz so viel Aufmerksamkeit konnten die wesentlich friedliebenderen Großmeister Carlsen und Karjakin diesmal nicht auf sich und ihren Sport lenken - aber die beiden schafften es doch, dass man in den vergangenen Tagen nicht nur an Donald Trump dachte, wenn von New York die Rede war. In Europa saßen die Schachfans bis weit nach Mitternacht vor ihren Rechnern, um die Züge der beiden Großmeister live via Internet zu verfolgen. Und selbst während der langen Remis-Serie bis zur achten Partie ließ das Interesse nicht nach - im Gegenteil. Die Schachfans fieberten mit Carlsen, der immer wieder und zumeist erfolglos gegen das Verteidigungsbollwerk von Karjakin anrannte.

Kein TV-tauglicher Sport

Im Schach wird seit fast 150 Jahren ein offizieller Weltmeister ermittelt und der Denksport mit den weißen und schwarzen Figuren wird fast überall auf der Welt wettkampfmäßig betrieben. Die Regeln kennen laut Schätzungen rund 500 Millionen Menschen. Dabei macht es einem das Jahrhunderte alte Spiel nicht gerade einfach. Schachmeistern sieben Stunden beim Denken zuschauen? Für das Fernsehen ist das Brettspiel eher nicht geeignet: Schach ist nicht einfach zu konsumieren. Um nachzuvollziehen, was Carlsen und Karjakin auf dem Brett treiben, braucht es ein ernsthaftes Interesse, etwas Übung - und Zeit. Schach ist definitiv eine entschleunigte Aktivität - ein "Slow Sport" - und somit ein Kontrastprogramm zur schnelllebigen (Sport-)Welt.

Holger Hank Kommentarbild App PROVISORISCH

Schachspieler und DW-Redakteur Holger Hank

Was der Zweikampf in New York auch gezeigt hat: Das "nerdische" Schach ist ein Internet-Sport. Die Züge lassen sich einfach übertragen und Live-Kommentatoren sorgen parallel für Orientierung. Mitmachen und mitdenken - das ist bei diesem Sport möglich! Zumal die Zuschauer im Internet dank der Computeranalyse sogar genauer als die Schachmeister selbst wissen, wer gerade die Oberhand hat und was der beste nächste Zug ist. Das Zusammenspiel von Spitzenschach und Internet-Begleitung passt also gut in das digitalisierte 21. Jahrhundert. Eigentlich müsste es deshalb jetzt möglich sein, dem Schachsport langfristige Sponsoren und Werbepartner zu sichern. Nur: Dass dies dem in diverse Skandale verstrickten und eher selbstreferenziell agierenden Weltschachbund FIDE dies jetzt gelingen wird, ist nicht sicher.

Viele Fans, kaum Förderung in Deutschland

Dabei wird Schach derzeit - zum Teil vom Staat oder Mäzenen gezielt gefördert - unter anderem in Indien, China und sogar den USA populärer. In Deutschland ist davon allerdings wenig zu spüren. Zwar hat es hierzulande schon einmal einen deutschen Weltmeister gegeben. Der hieß Emanuel Lasker und war Titelträger von - lange ist es her - 1894 bis 1921. Der deutsche Schachbund hat heute mehr als 90.000 Mitglieder und organisiert damit mehr Sportler als beispielsweise der Hockey-Bund. Aber viel bekommt die Öffentlichkeit davon nicht mit. Auch die deutsche Sportpolitik hat den weltweiten Aufwind für Schach bisher verschlafen: Das für die Sportförderung zuständige Bundesinnenministerium versuchte in den vergangenen Jahren eher, Schach von der Förderliste zu streichen. Mit der geplanten Konzentration der Sportförderung auf Olympia-Medaillen droht das deutsche Schach finanziell jetzt endgültig von der Sport-Bürokratie matt gesetzt zu werden. Einen zweiten Schach-Weltmeister aus Deutschland wird es unter diesen Rahmenbedingungen wohl so schnell nicht geben. Es sei denn, ein Jahrhunderttalent vom Schlage eines Magnus Carlsen oder Bobby Fischer taucht auf einmal aus dem Nichts am Schachbrett auf.

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