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Kultur

Kommentar: Schönen Gruß vom Chef!

Wohl selten zuvor hat ein Chef sein Top-Management so heftig öffentlich abgekanzelt wie Papst Franziskus. Doch die krachende Weihnachtsbotschaft nimmt ihn selbst in die Pflicht, meint Christoph Strack.

Was für ein wunderbarer Rahmen! So eine typische Franziskus-Idee. Kein Papst vor ihm kam darauf. Zur "betrieblichen Weihnachtsfeier" lädt er alle Mitarbeiter des Kirchenstaats und deren Familien ein. Alle. Die vatikanische Audienzhalle voll. "Die Gärtner, die Putzleute, die Pförtner, die Abteilungsleiter, die Liftführer, die Sachbearbeiter - Dank eures täglichen Einsatzes und eurer zuvorkommenden Mühe zeigt sich die Kurie wie ein lebendiger Körper in Bewegung: Ein reiches Mosaik verschiedener Einzelteile, die nötig und komplementär sind", sagt Franziskus. Ein kleiner Bursche bekommt noch ein Autogramm auf seinen Gipsarm. Und der Papst bittet um Vergebung für "Verfehlungen, meinerseits und vonseiten der Mitarbeiter".

Man täusche sich nicht. Franziskus ist nicht der Grüß-Onkel für die Beschaulichkeit. Stunden vor seiner Begegnung mit den "Unbekannten und Unsichtbaren" kam er mit seinem vatikanischen Führungspersonal zusammen. Und sprach von all dem, was den Laden verdunkelt. Er nannte 15 "kuriale Krankheiten" des vatikanischen Apparats: Eitelkeit, Machtstreben, Geldgier, Narzissmus, Karrierismus, Arroganz, Geschwätzigkeit, spirituellen Alzheimer, geistige und auch geistliche Versteinerung und und und. "Eine Kurie, die sich nicht selbst kritisiert, auf den neusten Stand bringt und verbessert, ist ein kranker Körper." Und der Papst rief seine Zuhörer zum Gebet auf, damit die "Wunden der Sünden, die alle von uns tragen, geheilt werden."

Darf man das zu diesem Anlass?

Kann das ein Chef machen? Seinen leitenden Mitarbeitern ziemlich überraschend Machtstreben und Arroganz, Eitelkeit und Herzlosigkeit vorwerfen? In der Beschaulichkeit der letzten Vorweihnachtsstunden? Da versemmelt man doch als Vorstandsvorsitzender seinen Top-Führungskräften die Heimeligkeit und den Stolz auf das Geleistete im zu Ende gehenden Jahr.

Papst Franziskus hat es gemacht. Wenn man das nationale wie internationale Medienecho sieht, mag man sich ausmalen, welche Wirkung seine gepfefferte Rede bei seinen Zuhörern hinterlassen hat. Die geistlichen Herren, zumeist Kardinäle und Bischöfe, mögen sich vielsagend angeschwiegen haben. Schaut man einige Jahre zurück, dann widmete der Chef des Unternehmens katholische Kirche seine Rede einer grundlegenden Betrachtung über den Zustand der Welt. Mit seinen Mahnungen wird der Papst vielen aus der Seele sprechen - nicht nur im System Kirche.

Christoph Strack Redakteur im DW Hauptstadtstudio

Christoph Strack, Korrespondent im DW-Hauptstadtstudio

Aber er ist der oberste Chef dieses Unternehmens. Was mag da in ihm vorgehen? Die großen Skandale, das Bekanntwerden jahrzehntelanger sexueller Gewalt gegen Minderjährige, finanzielle Abgründe, Vatileaks, Kommunikationspannen - sie datieren doch eher in die Zeit seines Vorgängers, der sie selbst gewiss nicht alle verschuldet hatte. Gut, im Spätsommer wurde öffentlich, dass sich der frühere Kardinalstaatssekretär Bertone (der Mann ist - man kann in diesem Zusammenhang ruhig daran erinnern - alleinstehend und kinderlos) im Vatikan einige hundert Quadratmeter eleganten Wohnraum als Ruhesitz herrichten ließ. Und vor einigen Wochen erfuhr man mal wieder von Geldschieberei im Umfeld der bisherigen Vatikanbank.

Kritik nicht an Einzelnen, sondern am System

Der Papst aus Argentinien zielt nicht auf einzelne Vergehen oder Schwachpunkte. Es geht ihm um die Grundhaltung, um Demut. Die Kurie unsterblich, immun oder unersetzbar? fragt Franziskus. "Ein Besuch auf dem Friedhof kann uns helfen, die Namen all der Personen zu sehen, die glaubten, unsterblich, immun und unersetzbar zu sein." Man kann nur ahnen, welche Gedanken, welche Sorgen Franziskus im Herzen trägt, wenn er Abend für Abend alleine zum langen stillen Gebet in der Kapelle von Santa Marta verschwindet.

Aber jeder Spitzenmann ist für die Menschen in seinem Umfeld verantwortlich. Jedes Unternehmen ist nur gut, wenn es dem Chef gelingt, die Mitarbeiter mitzunehmen. Franziskus mag mit seiner Philippika den Frust oder leisen Zorn beim ein oder anderen Mitarbeiter steigern, aber er erhöht auch - Demut hin, Kraft des Gebets her - den Druck auf sich selbst. Wer Arroganz und Selbstherrlichkeit wahrnimmt bei Führungskräften, muss sie neu und anders aufrichten. Oder austauschen. Diagnose und Analyse sind das eine - Therapie das andere.

Franziskus braucht die Hilfe seiner Mitarbeiter

Dabei steht der Papst, mittlerweile 78-jährig, vor einem dramatisch wichtigen Jahr. Er will mehr reisen als in seiner bisherigen Amtszeit; und wenn er Ende September auch die USA besucht, dann trifft da nicht einfach der Präsident den Papst. Nein, da geht es um die Begegnung zweier Kulturen, unterschiedlicher Welten.

Aber die größeren Aufgaben des kommenden Jahres erwarten Franziskus im Vatikan. Die Reform (nicht nur ein Reförmchen) der Kurie muss konkreter werden. Und im Oktober steht der zweite, wichtigere Teil der Familiensynode an. Da mag es vordergründig um Familie und Treue, um Sex und Moral gehen. Letztlich geht es jedoch darum, wie sich die katholische Kirche der Moderne stellt, ohne sich einfach nur dem Zeitgeist anzupassen. Franziskus, dieser konservative Reformer, weiß, dass diese Klärung anspruchsvoll werden wird. Und dass er sein Team mitziehen sollte.

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