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Fußball

Kommentar: Schöne neue (Fußball-)Welt

Das Spiel herzlos, die Stimmung mies: Das Länderspiel gegen England offenbart, wie der Deutsche Fußball Bund den Volkssport vermarktet. Die Folgen sind unüberhörbar, meint DW-Redakteurin Sarah Wiertz

"Bitte zum Einlauf der Mannschaften die Papptafeln/Folienschnitte hochhalten" war am Samstag auf einem riesigen Transparent kurz vor Anpfiff im Berliner Olympiastadion zu lesen.

Muss dazu noch irgendwas gesagt werden? Ja. Denn es steht symbolisch für die (Un-)Kultur beim Deutschen Fußball Bund (DFB). Es schreibt den Fans genau vor, was sie zu tun und zu lassen haben. Die Choreographie, ausgedacht vermutlich von der DFB-Marketingabteilung, soll ein schönes, einheitliches und perfektes Bild für die Außenwelt suggerieren. Fehlten eigentlich nur noch die Ordner, die je nach Situation das Schild "Jubeln", "Buhen" oder "Singen" hochhalten.

So aber wussten die rund 67.000 deutschen Fans offensichtlich nicht, was sie über die 90 Minuten machen sollten. Also blieben sie einfach ruhig. Erschreckend still war es für ein Fußballspiel. Dafür waren die etwas über 4.000 Anhänger der "Three Lions" um so besser zu hören. Und die haben bekanntermaßen ganz schön was drauf. Sie sangen während des gesamten Spiels mehrmals ihre Nationalhymne und Lieder wie "Don't take me home" und machten mit zahlreichen (eigenen) Fahnen und (selbstgemachten) Transparten für alle sichtbar, weshalb sie an diesem Abend im Stadion waren.

Es ist bekannt, dass es im Gegensatz zu den Engländern keine bundesligaähnliche Fankultur für die Nationalmannschaft gibt. Bekannt ist auch, dass Länderspiele gerne für Ausflüge von Familien genutzt werden, die sich die teuren Tickets leisten können. Dass aber die Fans zu Marionetten gemacht werden und aus der emotionsgeladenen Leidenschaft Fußball ein künstliches Produkt geschaffen wird, passt zwar bestens zu den immer perfekt frisierten Haaren von DFB-Manager Oliver Bierhoff und Bundestrainer Löw, aber nicht zum verschwitzten, körperbetonten Volkssport, den wir so lieben.

Die nicht vorhandene Stimmung ist selbst den Spielern auf dem Platz aufgefallen. "Die Fans haben sich unserem Spiel angepasst - oder anders herum", sagte Thomas Müller, der zugab: "Es ist einfach so, dass wir den Testspielcharakter, und da spreche auch von mir selbst, nicht abschütteln konnten." Das ist zumindest ehrlich. Er und Lukas Podolski sind die beiden die einzig verbliebenen Spieler im DFB-Trikot, die nicht immer nur die antrainierten Mediensätze ins Mikrofon sagen. Denn nicht nur die Fans, auch die Spieler haben sich dem DFB-Duktus angepasst.

Wir haben den Titel, die Engländer haben Typen

Berlin Deutschland vs England englische Fans (Foto: picture-alliance/dpa/C. Charisius)

Leidenschaftlich: der englische Block

Das zeigt sich letztendlich auch auf dem Platz. Ein Kroos, ein Özil, ein Hummels - sie alle sind hervorragende Fußballer, die sogar den WM-Titel nach Hause geholt haben und sich dadurch bei uns Deutschen für immer verewigt haben. Aber Typen, die sich nicht für die Öffentlichkeit verbiegen, sich auch mal daneben benehmen, sich dafür aber selbst bei einem Testspiel die Seele aus dem Leib rennen - das sind sie nicht. Die sind alle aussortiert. Zuletzt hat es Max Kruse erwischt, weil seine Manieren nicht in die schöne neue Fußballwelt des DFB passen.

Hallo Aldous Huxley, mag man da sagen, dessen gesellschaftspolitische Kritik auf die DFB-(Un-)Kultur umgemünzt werden kann. Eine Warnung vor einer (Fußball-)Welt, in der zwar alle Menschen am Volkssport teilhaben können, aber die Freiheit, Kreativität und Individualität auf der Strecke bleiben. Allen (Fans und Spieler) gemeinsam ist die Konditionierung auf eine Befriedigung (Tore) und die Droge (Titel), die den Mitgliedern das Bedürfnis zum kritischen Denken und Hinterfragen nimmt. Die Weltregierung (DFB) bildet Menschen (Fußballer) aus, die von der Bevölkerung wie Idole verehrt werden. Nun gut. Hier im Kommentar geht es letztlich nur um die schönste Nebensache der Welt. Aber im Gegensatz zur fiktiven Erzählung von Huxley ist die DFB-(Un-)Kultur ein Gegenwartsproblem.

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