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Standpunkt

Kommentar: Südkorea braucht Mut zu Veränderungen

Der linksliberale Moon Jae In wird südkoreanischer Präsident. Außenpolitisch wird sich das Verhältnis zu Nordkorea und den USA grundlegend ändern. Innenpolitisch muss er Reformen einleiten, meint Alexander Freund.

Südkorea Präsidentschaftswahlen Moon Jae-in (Reuters/Kim Hong-Ji)

Moon Jae-in: der Wahlsieger und neue Präsident von Südkorea

Alles soll besser werden, aber nichts soll sich ändern - an diesem Grunddilemma krankt Südkorea seit Jahrzehnten: wirtschaftlich, politisch, vor allem aber gesellschaftlich. Wirtschaftlich hängt das Wohl und Wehe des ganzen Landes noch immer entscheidend von den Großkonzernen ab, die Südkoreas Export-Industrie einst groß gemacht und den letzten Winkel der Gesellschaft durchdrungen haben. Schwächelt aber ein solcher sogenannter "Chaebol", produziert etwa Samsung ein brandgefährliches Handy, dann gerät nicht nur der Konzern, sondern das ganze Land in Schieflage. Entsprechend eng und unheilvoll sind die Verstrickungen zwischen Wirtschaft und Politik. Das zeigte die Affäre um die abgesetzte Präsidentin Park noch einmal überdeutlich. 

Kaum Chancen für Jüngere

Dabei funktionieren die Rezepte der Wirtschaftswunderjahre nicht mehr: Die familiengeführten Großkonzerne erzeugen längst nicht mehr Arbeit und Wohlstand für die Massen. Stattdessen leiden vor allem die Jüngeren unter Arbeitslosigkeit und unsicheren Arbeitsverhältnissen. Und das in einem Land, in dem der Beruf von so zentraler Bedeutung für die gesellschaftliche Stellung ist, wo Fleiß und Leitungsbereitschaft ganz tief in der Seele verankert sind und wo jeden Tag länger als im Rest der Welt gearbeitet wird. Der linksliberale Präsident Moon Jae In will diese Seilschaften zwischen den mächtigen Großkonzernen und der Führungselite zerschlagen. Doch er wird auf heftigen Widerstand und auf die Angst vor zu radikalen Veränderungen vor allem bei der älteren Bevölkerung stoßen.

Freund Alexander Kommentarbild App

Alexander Freund leitet die Asien-Programme der DW

Denn die koreanische Krise ist vor allem eine Generationenkrise, weil die Älteren ihre Generationenversprechen nicht eingehalten haben. Nichts bewegt sich mehr im Lande. Vor allem den jungen, exzellent ausgebildeten und leistungsbereiten Südkoreaner bietet sich in den verkrusteten Strukturen kaum eine Perspektive: kein fester Arbeitsplatz, keine Sicherheit, keine eigene Wohnung, keine Ehe, keine Kinder, keine Zukunft.

Dies hat aber nichts mit Ignoranz der Älteren zu tun, die sich größtenteils aufopferungsvoll um den eigenen Nachwuchs kümmern. In der Hoffnung auf eine bessere Zukunft haben sie sich und ihren Sprösslingen viel abverlangt, haben sich größtenteils hochverschuldet, um ihren Kindern eine optimale Ausbildung zu ermöglichen. Die hat die junge Generation zwar, aber jetzt schlagen sich mehr als drei Millionen Hochschulabsolventen mit schlechtbezahlten, weitgehend sinnfreien Mini-Jobs durchs Leben. Nein, es ist nicht Ignoranz, es ist Mutlosigkeit. Denn in der Krise - und es gab einige Krisen - fehlt der Mut für Reformen, für einen radikalen Wandel der Gesellschaft, die Bereitschaft zum Aufbrechen der verkrusteten Strukturen. Selbst der Absturz Südkoreas in der Asienkrise Ende der 1990er-Jahre führte nicht zum Neustart, sondern zu einem angstvollen Festhalten an den einst erfolgreichen Konzepten.

Generationenkonflikt beim Umgang mit Nordkorea

Der tiefe Riss zwischen Jung und Alt zeigt sich auch beim schwierigen Verhältnis zum aggressiven Bruderstaat im Norden. Während die (Nach-)Kriegsgeneration am harten Kurs gegenüber Pjöngjang festhalten will, setzen viele Nachgeborene eher auf Dialog. Auch der linksliberale Moon Jae In will das Gespräch mit dem Norden suchen. Schlicht und einfach aus der Erkenntnis heraus, dass die Sanktionspolitik der vergangenen Jahre Nordkorea nicht bändigen konnte und dass Pjöngjang auch weiterhin provozieren wird, um seine Verhandlungsposition zu stärken. Das Säbelrasseln aus Washington trägt jedenfalls nicht zur Beruhigung bei. Denn trotz der US-amerikanischen Schutzgarantien und Raketenabwehrbatterien würde ein Konflikt in erster Linie Korea verwüsten und die Aufbauleistung vieler Generationen vernichten. Moons Dialogwille und sein Streben nach mehr Unabhängigkeit von den USA wird in Pjöngjang und Peking sicherlich mit Genugtuung, in Washington und Japan allerdings mit großer Besorgnis gesehen werden.

In schwierigen Zeiten hat sich die vergleichsweise junge südkoreanische Demokratie als erfreulich wehrhaft erwiesen: Massenproteste hatten vor 30 Jahren die Diktatur beendet und einen demokratischen Neuanfang ermöglich. Massenproteste haben auch jetzt die konservative Präsidentin Park zu Sturz gebracht. Mit großer Mehrheit haben die Südkoreaner einen Präsidenten gewählt, der als Sohn nordkoreanischer Flüchtlinge nach Süden kam und der als Menschenrechtsanwalt einst wegen Protests gegen die Diktatur von Parks Vater Park Chung-hee in Haft saß. Er wird neue Wege gehen und Verkrustungen auflösen wollen. Ob seine verunsicherte Bevölkerung dazu bereit ist, wird sich zeigen. Südkoreas Potential ist gewaltig, aber es braucht den Mut zur Veränderung.

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