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Afrika

Kommentar: Südafrikas Weltklasse-Prozess

Südafrikas Sprintstar Oscar Pistorius wollte seine Freundin nicht töten. So befand die Richtern in Pretoria nach einem aufsehenerregenden Verfahren. Ein Prozess der Weltklasse, findet Claus Stäcker.

Oscar Pistorius ist kein Mörder! Die Fans des Weltstars wird diese Entscheidung erleichtern. Sie mochten einfach nicht glauben, dass der allseits bewunderte Prothesenläufer kaltblütig seine hübsche Freundin erschossen haben soll. Wer ihn vor laufenden Kameras kollabieren, weinen und sich übergeben sah, konnte sich nicht vorstellen, dass dies alles inszeniert war. Und doch lieferte der Prozess im Gerichtssaal und außerhalb ein groteskes Schauspiel. Die Zahl der Prozessbeobachter und Laien-Forensiker aus aller Welt wuchs im Prozessverlauf auf Armeestärke an. Anklage und Verteidigung zerrten schonungslos fast jedes noch so intime Detail der tödlichen Liebesbeziehung ans Licht.

Gefallener Star

So mag die Entscheidung, Pistorius keinen Vorsatz zu unterstellen, günstig ausgefallen sein für den Angeklagten, der Mann aber ist am Boden zerstört. Bis zur Blutnacht war er der Star des Behindertensports, ideale Projektionsfläche für Aufstiegsträume, Werbeikone und Liebling der Sportausrüster. Längst sind seine riesigen Porträts, die ganze Hochhausfassaden bedeckten, aus den Skylines von Johannesburg und Kapstadt verschwunden. Die Sponsoren haben andere Helden gefunden. Seine sportlichen Träume sind dahin. Sein Dandyleben als Hobbyschütze, Motorbootrennfahrer und Partygänger ist vorbei. Pistorius ist ein gebrochener Mann, der sich allenfalls noch für Boulevard-Blätter und Hollywood-Verfilmungen eignet. Tiefer kann ein Mensch kaum fallen. Der Täter, ob vorsätzlich oder nicht, ist längst auch Opfer.

Deutsche Welle Claus Stäcker

Claus Stäcker leitet die Afrika-Programme der Deutschen Welle

Aber nicht das persönliche Drama des glamourösen Stelzenläufers ist das Entscheidende dieses Verfahrens. 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid fällt eine schwarze Richterin eine wohlüberlegte und ausgewogene Entscheidung, die sich nicht von Schwarz-Weiß-Schemen leiten lässt. Mit bewundernswerter Nüchternheit und Professionalität hat Richterin Thokozile Masipa die Fakten sortiert und dem Öffentlichkeitsdruck und Mediensog widerstanden. Ihr Urteil scheint milde, aber nicht weil sie Pistorius einen Prominentenbonus einräumte, sondern weil sie glaubhaft an seiner Mordabsicht zweifelte und das sachlich begründete. Im Zweifel für den Angeklagten. Das spricht für Südafrikas Justiz, die neben den Medien und der gut organisierten Zivilgesellschaft stärkster Pfeiler der jungen Demokratie ist. Der Prozess hält jedem internationalen Vergleich stand, die Urteilsfindung ist Weltklasse.

Soziale Kluft auch im Gerichtssaal

Die gesellschaftliche Frage, ob es normal ist, dass man im demokratischen Südafrika mit einer Waffe schlafen geht und bei Verdacht wild losballert, kann Richterin Masipa nicht beantworten. Ebenso wenig die Frage, ob Pistorius‘ Beweggründe dank seiner teuren Verteidiger vor Gericht besonders sorgsam abgewogen wurden. Es mag kein Prominentenbonus gewesen sein, aber ganz sicher ein Klassenbonus wie ihn etwa auch Rotlichtkönige, Mafiabosse und Präsidenten genießen, die südafrikanische Gerichte dank ihrer raffinierten Anwaltskanzleien oft jahrelang zum Narren halten. Eine soziale Frage, die nicht nur in Südafrika virulent ist: Genießen Reiche mehr Rechte, weil sie sich bessere Anwälte leisten können?

Abseits der menschlichen Tragödie interessiert das Urteil die meisten Südafrikaner indes wenig: Ihnen wäre lieber, dass mehr Verbrecher überhaupt gefasst und zügig abgeurteilt werden, dass sie nach dem Urteil sicher verwahrt bleiben und dass Staatsdiener von Regierung bis Polizei verlässlich ihre Arbeit erledigen. In einer Luxus-Residenz wie der von Oscar Pistorius und Reeva Steenkamp ist ein Mord die Ausnahme, in den armen Townships aber Alltag. Im Fall Pistorius hat sich Südafrikas Rechtsstaat von der besten Seite gezeigt. Im alltäglichen Kampf gegen Gewalttäter, organisierte Kriminelle und korrupte Beamte aber ist er all zu oft der Verlierer.

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