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Afrika

Kommentar: Südafrikaner vertagen Umwälzung

Nelson Mandelas Afrikanischer Nationalkongress bleibt mit geringen Verlusten an der Macht. Die Opposition gewinnt hinzu, ist aber weiter schwach. Dennoch bleibt nicht alles beim Alten, meint Claus Stäcker.

Deutsche Welle Claus Stäcker Foto: DW/Steffen Heinze/Lisa Flanakin

Claus Stäcker, Leiter der Afrika-Programme der Deutschen Welle

Jacob Zuma ist mit einem blauen Auge davongekommen. Der Präsident Südafrikas und des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) hat nur geringe Verluste hinnehmen müssen und hat ein

Wahlergebnis

über der magischen 60-Prozent-Marke eingefahren - nicht weniger als Nelson Mandela bei der ersten freien Wahl 1994.

Aus westlicher Perspektive hätte der Wähler ihn und seine Partei deutlicher abstrafen müssen. Die Stimmung hat sich in den vergangenen Jahren derart verschlechtert, dass manche einen Erdrutsch für die Mandela-Partei in die Nähe der 50-Prozent-Marke prophezeiten. Nun liest sich das Ergebnis wie ein Triumph Zumas. Nur: Mandelas Popularität als Präsident lag bei Werten um die 80 Prozent. Zumas Beliebtheit sank zuletzt auf den Tiefstand von 58 Prozent.

Bürger wählen ANC - nicht Zuma

Der Souverän macht also einen klaren Unterschied zwischen der ANC-Allianz - der auch der Gewerkschaftsverband COSATU und die Kommunistische Partei SACP angehören - und ihrem obersten Repräsentanten. Sie wählen den ANC nicht wegen Zuma, sondern trotz Zumas. Zu groß ist bei den einfachen Menschen die Furcht, die mächtige, weiß dominierte Wirtschaft könnte im Bund mit der wirtschaftsnahen, weiß dominierten Oppositionspartei Demokratische Allianz (DA) das Rad der Geschichte zurückdrehen. Sie verteidigen mit ihrer Stimme die Post-Apartheid-Demokratie, die besseren Lebenschancen der schwarzen Bevölkerungsmehrheit, die sozialen und ökonomischen Fortschritte. Das wiegt für sie schwerer als Korruption und Machtmissbrauch des Zuma-Lagers.

Vor allem in den strukturschwachen, ländlichen Regionen erzielt der ANC unangefochten Traumergebnisse. Zuma zehrt also vom Befreiungskampf, vom Erbe Mandelas. Diese Karte hat der ANC im Wahlkampf zum fünften Mal seit dem Ende der Apartheid erfolgreich gespielt. So ist das politische Erdbeben ausgeblieben.

Und dennoch bleibt nicht alles beim Alten. Die liberale DA mit ihrer unermüdlichen, deutschstämmigen Parteichefin Helen Zille und der jungen, scharfzüngigen - schwarzen - Fraktionschefin Lindiwe Mazibuko an der Spitze, legte auf 22 Prozent zu. In bislang gescheiten Allianzen mit angesehenen - schwarzen - ANC-Kritikern liegt weiteres Potenzial. Vorerst sehen die meisten in der DA aber eine Partei für eine weiße, bestenfalls Besserverdienende-Klientel. Sie trauen ihr nicht zu, das Land besser zu regieren, ohne die Errungenschaften der letzten 20 Jahre zu gefährden.

Gefahr droht dem ANC von links

Die größte Gefahr für den ANC schlummert im linken Lager. Der Salonrevoluzzer mit rotem Barrett und Louis-Vuitton-Schuhen, Julius Malema, hat mit seinen „Kämpfern für wirtschaftliche Freiheit“ (EFF) auf Anhieb sechs Prozent erreicht. Vor allem die radikalen Jungen sind für seine linkspopulistischen Umverteilungsparolen empfänglich. Andere Jungwähler - die sogenannte Born-Free-Generation - sind eher apolitisch, politisch noch heimatlos oder auch schon desillusioniert.

Es fehlt bisher die zündende, inklusive und glaubwürdige Alternative zur großen Mutter ANC. Experten glauben, dass sie am ehesten links, gewerkschaftsnah, sozialdemokratisch ausgerichtet sein müsste. Erste Teilgewerkschaften haben sich bereits vom ANC losgesagt. Sollte sich die Kluft der Arbeitnehmervertreter zur Regierungspartei in den kommenden fünf Zuma-Jahren vertiefen, ist eine kraftvolle Parteineugründung nicht auszuschließen.

Andernfalls wird Südafrika weiter machen wie bisher. Das Land wird trotz Zuma im Großen und Ganzen immer noch funktionieren - weil der ANC nicht alles falsch macht, weil Südafrika eine starke, selbstbewusste und heterogene Zivilgesellschaft hat, eine souveräne, unabhängige Gerichtsbarkeit, eine lautstarke Medienlandschaft, eine solide, diversifizierte Wirtschaft. Aber die Macht des ANC wird weiter erodieren. Langsam, wenn es wenig Gegenwind gibt. Schneller, wenn die sozialen Stürme heftiger werden. Irgendwann wird der Mandela-Kredit aufgebraucht sein. Auch der ANC wird nicht "bis zu Jesu Wiederkunft" regieren, wie Zuma einst verkündete. Alle Befreiungsbewegungen, ob in Afrika, Indien oder Mexiko, haben das früher oder später erfahren.

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