Kommentar: Rustikale Freundschaft zwischen Griechenland und der Türkei | Kommentare | DW | 09.12.2017
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Standpunkt

Kommentar: Rustikale Freundschaft zwischen Griechenland und der Türkei

Wenn ein Präsident nach 65 Jahren erstmals wieder sein Nachbarland besucht, erwartet man ein sorgsam vorbereitetes Aufeinandertreffen. Aber zwischen Ankara und Athen ist alles ein wenig anders, meint Spiros Moskovou.

Athen Staatsbesuch Erdogan mit Pavlopoulos (Reuters/S. Pantzarti)

Eklat gleich bei der Begrüßung: die Staatspräsidenten der Türkei (li.) und Griechenlands trafen sich in Athen

Dass der türkische Präsident Tayyip Erdogan ein Choleriker ist, weiß man inzwischen in den meisten europäischen Hauptstädten, allen voran Berlin. Nun musste diesbezüglich auch Athen seine Erfahrungen machen. Beim ersten Besuch eines türkischen Staatsoberhaupts in Griechenland seit 65 Jahren kam es zum Eklat: Der griechische Präsident Prokopis Pavlopoulos mahnte schon unmittelbar bei der Begrüßung seinen türkischen Amtskollegen, dass der Lausanner Vertrag von 1923, der den Grenzverlauf und den Status der Minderheiten zwischen Griechenland und der Türkei regelt, nicht verhandelbar sei. Daraufhin polterte Erdogan richtig los und listete unverblümt die nach türkischer Auffassung zahlreichen Verletzungen des Lausanner Vertrags seitens der Griechen auf.

Spiros Moskovou Kommentarbild App

Spiros Moskovou leitet die Griechische Redaktion

Beiderseitiges Misstrauen

So ist abermals deutlich geworden, dass die Politik zwischen Griechenland und der Türkei vor allem von beiderseitigem Misstrauen geprägt ist. Im Hinterkopf der Griechen ist die moderne Türkei immer noch die Nachfolgerin des Osmanischen Reichs, unter dessen Joch Griechenland über Jahrhunderte hinweg gestanden hat. Und für die Türken bleibt das moderne Griechenland immer noch der aggressive Auslöser des griechisch-türkischen Krieges von 1922 und der Destabilisierung Zyperns im Jahre 1974, die erst mit der türkischen Invasion beendet wurde. Die aktuellen Animositäten in Athen zeigen, dass trotz allen Bemühens um Annäherung seit den 1990er-Jahren das Verhältnis beider Länder die Reife der deutsch-französischen Freundschaft noch bei weitem nicht erreicht hat.

Der Besuch Erdogans in Athen ging auf die wiederholte Einladung des griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras zurück. Er war weder mit großem Vorlauf vorbereitet worden, noch sollte er in erster Linie der Pflege der berühmt-berüchtigten griechisch-türkischen Freundschaft dienen. Geplant war die Einladung an Erdogan in einer Zeit, in der Ankara sich massiv mit Berlin und Washington überworfen hat, vielmehr als ein erster Schritt zur Rückführung der Türkei in die westliche Interessengemeinschaft. Denn nicht nur Griechenland, sondern die EU insgesamt hat ein vitales Interesse, dass das Flüchtlingsabkommen zwischen der Türkei und der EU dauerhaft fortbesteht, damit nicht wieder Flüchtlinge in Massen auf die griechischen Inseln übersetzen. Denn das Flüchtlingsabkommen funktioniert im Großen und Ganzen hervorragend - trotz der Reibereien zwischen Erdogan und Europa.

Kluge Partnerinnen

Die Partnerinnen der Politiker agierten in Athen wesentlich klüger als ihre Gatten: Emine Erdogan war am Donnerstag leider unpässlich und musste ihr gesamtes Besuchsprogramm in der griechischen Hauptstadt streichen. Stattdessen empfing sie in ihrer Suite die Lebensgefährtin von Ministerpräsident Tsipras, Betty Baziana, zum Tee. Die Frauen der notorischen Streithähne wussten, worüber sie problemlos sprechen konnten: die Erfahrungen beider Länder mit der Not der Flüchtlinge. Und dieses Gespräch verlief sehr harmonisch.

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