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Standpunkt

Kommentar: Russland braucht die engagierten Jungen

Obwohl alles im politischen System Russlands festgefügt ist, treten zahlreiche junge Menschen bei den Lokal- und Regionalwahlen an. Viele dieser Kandidaten machen Hoffnung für die Zukunft Russlands, meint Miodrag Soric.

In Deutschland klagen viele, dass vor der Bundestagswahl kein wirkliches Wahlkampffieber aufkommt. Letztlich bliebe ja alles beim Alten. Kein Vergleich zum Hype in den USA, wo der Kampf um die Macht mit allen Mitteln ausgefochten wurde - im Nahkampf der Protagonisten vor laufenden Fernsehkameras, mit hohem Unterhaltungswert. Doch das alles ist kein Vergleich zu Russland, wo am Sonntag zahlreiche Gouverneure und Tausende lokale Abgeordneter gewählt werden. Viele Russen wissen nicht einmal, dass sie zu den Urnen gerufen werden. Das Fernsehen und viele Zeitungen erwähnen das Thema kaum. Experten rechnen mit einer Wahlbeteiligung von um die 30 Prozent.

Wahlen? Was für Wahlen?

Umso erstaunlicher, dass sich so viele junge Menschen um einen in der Regel unbezahlten Abgeordnetensitz in einem der lokalen Parlamente bewerben. Im Vergleich zu 2012 treten doppelt so viele Kandidaten unter 21 Jahren an. Auch die unter 35-Jährigen, die sich haben aufstellen lassen, sind viel zahlreicher. Wie erklärt sich das?

Soric Miodrag Kommentarbild App

Miodrag Soric ist DW-Korrespondent in Moskau

Wer mit einigen von ihnen spricht, beginnt wieder an die politische Zukunft Russlands zu glauben. Sie sind nicht zynisch, wie so viele ältere Russen, die meinen, man könne ohnehin nichts ändern. Allesamt Kandidaten, oft Studenten oder junge Intellektuelle, die beides sind: patriotische Russen und - im westlichen Sinne - demokratisch gesinnt. Sie verurteilen die grassierende Korruption, die Gängelung der Medien, die geringen Investitionen in das einst gute Bildungssystem Russlands. Sie wollen ihr Leben selbst in die Hand nehmen, Politik gestalten, zunächst auf regionaler und lokaler Ebene - also dort, wo Politik die Menschen ganz unmittelbar berührt.

Diese jungen Politiker wissen, dass nur wenige von ihnen gewählt werden. Die Kandidaten von der Partei der Macht haben eine gut gefüllte Kriegskasse, eine Armee von bezahlten Helfern, die Plakate verteilen oder Werbebroschüren unters Volk bringen. Doch offenbar lässt sich der politische David nicht von Goliaths zur Schau gestellter Übermacht beeindrucken. Denn Plakate sind geduldig, Broschüren wecken kein Vertrauen. Wenn aber ein junger Student von Tür zu Tür geht, sich vorstellt und mit einfachen Worten um die Stimmen der Menschen bittet: dann bleibt das haften, weckt Sympathie, macht Hoffnung.

Generalprobe für die Präsidentschaftswahl?

Die Frage, ob die bevorstehenden Lokal- und Regionalwahlen so etwas wie eine Generalprobe für die Präsidentschaftswahl im März 2018 sei, muss mit Ja und mit Nein beantwortet werden. Ja, denn der Präsidialapparat testet am Sonntag, wie groß das Protestpotenzial in der Bevölkerung ist und lässt seine Wahlkampfmaschine Probe laufen. Nein, weil bei dieser Wahl die Partei der Macht nicht wirklich infrage gestellt wird.

Wird es also am Sonntag zu Überraschungen kommen? Im September 2013 schnitt ein gewisser Alexej Nawalny bei den Bürgermeisterwahlen in Moskau erstaunlich gut ab. Er jagte der regierenden Nomenklatura einen Schrecken ein, von dem sie sich bis heute nicht erholt hat. Damals siegte in Jekaterinburg Jevgenij Roizman und wurde Bürgermeister. Eigentlich hatte der Kreml etwas ganz Anderes geplant.

Wie immer die Wahlen am Sonntag ausgehen werden: Russland braucht diese jungen, engagierten Menschen und kann stolz auf sie sein. Über kurz oder lang werden sie das Land verändern.

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