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Asien

Kommentar: Richtiges Signal aus Oslo

Ein paschtunischer Teenager wird zum Rollenmodell für Versöhnung und Dialog, auch für alle Muslime in der Welt, die an den Extremisten verzweifeln, meint Florian Weigand.

"Ich hasse den Taliban nicht, der auf mich geschossen hat. Selbst wenn er ein Gewehr in der Hand hätte und vor mir stünde, ich würde nicht auf ihn schießen. Dies sind die Barmherzigkeit und das Mitgefühl, die ich von Mohammad, dem Propheten der Gnade, von Jesus Christus und von Buddha gelernt habe." Kraftvolle Worte der Versöhnung und des Dialogs von einem Teenager, gesprochen vor der UN-Jugendversammlung im Juni 2013. Obwohl schon damals nominiert, musste Malala Yousafzai noch ein Jahr warten, bevor sie den Friedensnobelpreis entgegennehmen konnte.

Das Komitee in Oslo hat heute eine gute Entscheidung getroffen. Denn egal ob Malala die Worte selbst gefunden oder sie eine geschickte PR-Beratung ihr ins Script geschrieben hat: Die 17-Jährige lebt, was sie sagt. Selbst als sie von einer Attentäter-Kugel schwerstverletzt wurde und sich erst nach langer Behandlung wieder erholte, lies sie sich nicht einschüchtern, hegte aber auch keine Rachegefühle. Sie ist die ideale Botschafterin des Friedens, wie es sich Alfred Nobel vorgestellt haben mag. Damit hat das Komitee seine Reputation wiederhergestellt nach den umstrittenen Entscheidungen der vergangenen Jahre, in denen zunächst Barack Obama mit – aus heutiger Sicht – unverdienten Vorschusslorbeeren geehrt wurde, später eher abstrakte unpersönliche Organisationen wie die EU oder die Organisation für den Verbot von Chemiewaffen, damals im Zusammenhang mit dem Inspektoren-Einsatz in Syrien.

Deutsche Welle REGIONEN Asien Paschtu Dari Florian Weigand

Florian Weigand, Leiter der DW-Urdu-Redaktion

Die Entscheidung ist aber auch in weiterer Hinsicht ein wichtiges, positives Signal. Malala ist Paschtunin und kommt aus dem pakistanischen Swat-Tal, einem berüchtigten Operationsgebiet der Taliban. Tief hat sich in der Psyche der Weltgemeinschaft das Bild langbärtiger Extremisten aus ihrer Heimat eingegraben. Malala ist nun der weltweit bekannte Gegenentwurf dazu. Und nicht zuletzt erweist sie ihrem Glauben einen wichtigen Dienst. Die Muslimin stellt die Friedensbotschaft des Islam in den Vordergrund und streckt die Hand aus zu anderen Religionen. Sie kann damit zu einem Rollenmodell für die aufgeklärten Muslime in der Welt werden, die an den Gräueltaten der Extremisten verzweifeln.

Und nicht zuletzt sendet Oslo ein wichtiges Signal an die Regierungen in der Region. Während Pakistan und Indien sich wieder einmal in Scharmützeln an der Demarkationslinie im umstrittenen Kaschmir verstricken, hat die Jury neben der Pakistanerin mit dem 60-jährigen Kailash Satyarthi auch einen Inder geehrt. Ein Aktivist, der gegen die Ausbeutung von Kindern eintritt und sich in der Tradition von Gandhi versteht. Überdeutlich gibt das Nobelpreiskomitee damit zu verstehen, dass der Dauerargwohn zwischen Delhi und Islamabad ein Ende haben muss, und es wichtige Probleme gibt - wie Bildung und Schutz für Kinder – die es gemeinsam und friedlich anzugehen gilt.

Der Friedensnobelpreis wird nun zur Dominante in Malalas Leben werden. Das ist keine leichte Bürde für einen Teenager. Die Erwartungen, die künftig an sie gestellt werden, sind noch höher geworden: ebenso aber auch die ganz reale Lebensgefahr, die für sie aus dem Kreis von Extremisten erwächst. Vor diesem Hintergrund wird ein normales Leben kaum mehr möglich sein. Hoffen wir, dass sie nicht daran zerbricht.