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Welt

Kommentar: Revolution von oben

Auch den Weltjugendtag in Rio de Janeiro nutzt Papst Franziskus strategisch, um seinen Reformkurs voranzutreiben. Doch einige Themen fallen unter den Tisch, meint Astrid Prange in ihrem Kommentar.

Astrid Prange De Oliveira Foto: DW

Astrid Prange, Redaktion Portugiesisch für Brasilien

Es ist eine stille Revolution. Eine Revolution, die die katholische Kirche verändern wird. Eine Revolution auf päpstlichen Befehl. Ausgerufen hat sie Papst Franziskus höchstpersönlich, denn der Pontifex will seine Kirche verändern. Und dazu braucht er Jugendliche aus der ganzen Welt.

"Ihr und ich - wir gestalten die Kirche gemeinsam", rief Franziskus den mehr als zwei Millionen Pilgern beim Weltjugendtag in Rio de Janeiro zu, die sich zur Nachtwache am Strand von Copacabana versammelt hatten. Sein Aufruf ließ an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig: "Mischt euch ein, geht auf die Straße. Jesus ist auch nicht zu Hause geblieben!"

Franziskus braucht die Jugendlichen

Die Begeisterung, die Franziskus' Worte bei den Pilgern hervorrief, dürfte bei vielen Mitgliedern des katholischen Klerus und vor allem im Vatikan Besorgnis ausgelöst haben. Sind nicht die geweihten Priester, Bischöfe und Kardinäle die Säulen der Kirche? Warum sollen ausgerechnet junge Gemeindeglieder die Kirche reformieren und nicht deren geweihte Vertreter?

Franziskus hat seine Worte und auch den Ort ihrer Verkündung bewusst gewählt. Die "Papstfestspiele" an der Copacabana sind für den 76-jährigen Argentinier von strategischer Bedeutung. Denn die Jugendlichen verleihen ihm bei seinem Kampf gegen Korruption, Verknöcherung und Karrieresucht im Vatikan den so dringend benötigten theologischen und kirchenpolitischen Rückhalt.

Dass er im Vatikan aufräumen will, daran hat Jorge Mario Bergolio seit seiner Wahl zum Papst am 13. März dieses Jahres keinen Zweifel gelassen. Bereits einen Monat später berief er den charismatischen Kardinal Óscar Rodriguez Maradiaga aus Honduras, ein bekennender Anhänger der katholischen "Option für die Armen", zum Vorsitzenden einer achtköpfigen Kardinalskommission, die den Kirchenstaat reformieren soll.

Bischöfe bekommen Standpauke

Auch in Lateinamerika will Franziskus seine Amtsbrüder aufscheuchen. Beim Weltjugendtag hielt er hinter verschlossenen Türen rund 300 brasilianischen Bischöfen eine Standpauke. Er machte sie mitverantwortlich für den Verlust von Millionen von Gläubigen, die in den vergangenen zehn Jahren der katholischen Kirche den Rücken zukehrten und zu evangelikalen Freikirchen übergelaufen sind.

Franziskus' schonungslose Fragen müssen sich viele katholische Würdenträger auf der ganzen Welt gefallen lassen: War die Kirche vielleicht zu weit vom Alltag der Gläubigen entfernt, zu kalt und abweisend, zu selbstbezogen und dogmatisch? Erschien die Kirche vielen Menschen wie eine Reliquie aus alten Zeiten, die keine Antwort auf Fragen von heute gibt?

Geschickt verband der Papst die Massendemonstrationen in Brasilien mit dem Engagement für seine Kirche. Katholische Jugendliche sollten nicht anderen die Proteste für eine bessere Welt überlassen, sondern zeigen, dass die Kirche einen wichtigen Beitrag zu einer gerechteren Gesellschaft leisten könne.

Zu den in Deutschland stark diskutierten innerkirchlichen Streitthemen wie Zölibat, Frauenpriestertum, Position der Laien, Ausschluss von wiederverheirateten Geschiedenen vom Abendmahl oder die Haltung zu Homosexualität äußerte sich der Papst beim Weltjugendtag bezeichnenderweise nicht. Die von ihm ausgerufene Revolution ist konservativ. Doch wenn er den beeindruckenden Rückhalt der jungen Katholiken nicht verlieren will, wird er Zugeständnisse machen müssen. Denn eine echte Revolution kommt nicht von oben, sondern von unten.

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