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Amerika

Kommentar: Reifezeugnis für Chile

25 Jahre nach der Rückkehr zur Demokratie ist das Land stabil genug, um sich neuen Herausforderungen zu stellen und seine aktuellen Probleme zu lösen, meint Diego Zuñiga.

Chile - Die fünf Präsidenten Chiles seit 1990

Die fünf Präsidenten, die Chile seit 1990 regierten

Am 11. März 1990 gab der Diktator Augusto Pinochet endgültig die Macht an einen demokratisch gewählten Präsidenten ab. Nach einer verlorenen Wahl, in der er "alleine lief und als zweiter ins Ziel ging", wie die Zeitung Fortín Mapucho damals schrieb. Seitdem hat sich vieles geändert in Chile. Das Land hat sich als einer der stabilsten und wohlhabendsten Staaten der Region positioniert. Vor allem aber hat Chile es verstanden, die Demokratie zu festigen, die in ihren Anfängen noch stark unter dem Druck der alten Mächte stand: der Armee, die nach wie vor von Pinochet kommandiert wurde, und der katholischen Kirche.

Gerechtigkeit und Arrangement mit den alten Eliten

Die erste demokratische Regierung nach 17 Jahren Militärregime war auf der Suche nach Gerechtigkeit im Rahmen des Machbaren. Der Christdemokrat Patricio Aylwin, der eine Regierung von restauratorischem Zuschnitt führte, musste das Bedürfnis nach Aufklärung der Menschenrechtsverletzungen während der Diktatur in Einklang bringen mit der Wahrung des empfindlichen Gleichgewichts mit Pinochet und seinen Verbündeten. Eine harte Aufgabe. Sein Nachfolger, mit Eduardo Frei wieder ein Christdemokrat, wollte Chile zur Welt öffnen. Frei unterschrieb Handelsverträge, mit denen wirtschaftlich die Politik Pinochets fortgesetzt wurde: die Politik des freien Marktes. Allerdings versuchte die so genannte "Concertación" - das Bündnis, das Chile bis 2010 regierte - dieser Wirtschaftspolitik einen sozialeren Anstrich zu geben.

Als der erste demokratische Präsident Aylwin vor exakt 25 Jahren das Amt übernahm, vor einem demokratisch gewählten Kongress, der nach 17 Jahren ohne Sitzung erstmals wieder tagte, da ertönte minutenlang donnender Applaus. Und es flossen Tränen im Angesicht der chilenischen Trikolore, als Augusto Pinochet das Parlament verliess. Es begann eine neue Ära für Chile und viele Exilanten kehrten in ihre Heimat zurück, um am demokratischen Wiederaufbau mitzuwirken.

Deutschland als Heimat für chilenische Exilanten

Für die Exilanten hatte Deutschland eine fundamentale Rolle gespielt. Sowohl die Bundesrepublik als auch die DDR öffneten hunderten chilenischen Flüchtlingen nach dem Militärputsch von 1973 ihre Türen. Die jetzige Präsidentin Michelle Bachelet gehörte zu ihnen. Die Staatschefin, die ebenfalls an diesem 11. März das erste Jahr ihrer zweiten Amtszeit vollendet, lebte in Ost-Berlin, wo ihr erster Sohn geboren wurde und sie ihr Medizinstudium fortsetzte, das sie letztlich an der Universität Chile beenden konnte. Die "Concertación" zahlte das Entgegenkommen mit einer umstrittenen Entscheidung zurück: Erich Honecker wurde nach seinem Sturz und dem Ende der DDR in Santiago aufgenommen, seine Witwe Margot lebt bis heute in der Gemeinde La Reina.

Die Mehrheit der heutigen Chilenen hat den Staatsstreich von 1973 nicht miterlebt, und viele ebenso wenig das Plebiszit von 1988, das dieses Land so sehr verändert hat. Und so ist es nur logisch, dass Chile jetzt Schritt für Schritt anfängt, seine schwierige Vergangenheit hinter sich zu lassen, ohne ihre unauslöschlichen Spuren zu vergessen. Ja, es hat Gerechtigkeit gegenüber den Verbrechen der Diktatur gegeben - auch wenn bis heute viele beklagen, dass sie nicht Pinochet persönlich erreicht hat.

Chile heute: eine gereifte Demokratie

Aber Chile hat es geschafft, sich zu erholen und zwei Regierungswechsel überstanden - zu einer rechtskonservativen Regierung von 2010 bis 2014 und wieder zurück zu einem Mitte-Links-Bündnis - ohne dass die Institutionen jemals geschwankt hätten. Das spricht für eine gereifte Demokratie, die bereit ist für Herausforderungen. Das spricht dafür, dass die Transition, ein symbolisches Wort für die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Chile, jetzt abgeschlossen ist.

Heute muss Santiago beweisen, dass diese Reife ausreicht, um die aktuellen Herausforderungen zu meistern: soziale Probleme, das steigende Desinteresse der Wähler an der Politik sowie Korruptionsfälle und Skandale, die die Opposition ebenso wie die Regierung betreffen. Die Vergangenheit kann nach einem Vierteljahrhundert keine Ausrede mehr sein. Es ist Zeit, den Wandel anzugehen, den ein modernes Land braucht.