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Fußball

Kommentar: Real ist, was die UEFA zeigt

Die schönen Bilder dominieren diese Fußball-Europameisterschaft – auch weil die UEFA zensierend eingriff. Sportlich hat dieses Turnier bisher kaum jemanden vom Hocker gehauen, meint DW-Sportredakteur Joscha Weber.

Es sind Bilder, die in keinem Vorrunden-Rückblick fehlen, es sind Bilder, wie sie die UEFA liebt: Ibrahimovics spektakulärer Seitfallzieher, die nicht enden wollenden Gänsehaut-Gesänge der Iren, ein inniger Knutscher zwischen dem kroatischen Nationalcoach Slaven Bilić und einem Fan, ausgelassen tanzende Fans im Sintflut-Regen von Donezk oder Shakiras Küsse von der Tribüne in Richtung ihres spanischen Freundes Gerard Piqué.

Rassismus, Straßenschlachten – auch das ist die EM

Diese Bilder sagen mehr als 1000 Worte. Sie sind mächtig und transportieren uns die Botschaft der heiteren Spiele der UEFA. Im Großen und Ganzen ist sie auch ein heiteres Fest, diese Europameisterschaft. Aber die Realität ist wie so oft etwas komplizierter. Denn auch diese Bilder gehören zum Gesamteindruck EM 2012: Offener Rassismus gegen dunkelhäutige Spieler, blanker Hass und Straßenschlachten zwischen polnischen und russischen Fans und aufgebrachte Demonstranten, die Einhaltung der Menschenrechte in der Ukraine fordern. Dass die UEFA an solchen, ihr Produkt EM "beschädigenden" Bildern wenig Freude hat ist klar. Dass sie die weltweit ausgestrahlten Bilder aber teilweise zensiert, ist ein Skandal. Während eine lustige Szene mit Bundestrainer Löw und einem Balljungen vor dem Spiel in die Spielübertragung hineingeschnitten wird, werden Bilder von "Flitzern" oder kritischen Plakaten ausgespart. Real ist, was die UEFA auf den TV-Schirm bringt.

Ganz real ist leider auch das frühe Ausscheiden der beider Gastgeber. Polen und die Ukraine waren mit großer Euphorie in das Heimturnier gestartet, ihr Ausscheiden wird der bisher guten Stimmung einen Dämpfer verpassen. Für beide hat es nicht gereicht, weil bei aller individueller Klasse – verkörpert durch Spieler wie Lewandowski oder Schewtschenko – ein mannschaftliches Konzept fehlte. Ähnliches lässt sich für die maßlos enttäuschenden Niederländer konstatieren, wobei hier auch die Starspieler durch die Bank hinter den Erwartungen blieben. Zunächst hochgejubelt und dann hart gelandet sind auch die Geheimfavoriten Frankreich und Russland. Während die "Équipe Tricolore" mit viel Glück den Sprung ins Viertelfinale schaffte, scheiterten die stark eingeschätzten Russen an ihrer Ballverliebtheit und den UEFA-Regeln.

Ein Regelwerk, das kaum jemand versteht

Joscha Weber

Joscha Weber, DW-Sportredaktion

Dass sie trotz eines besseren Torverhältnisses gegenüber Griechenland das Nachsehen hatten, ist die Logik eines 72-seitigen Regelwerks, das kaum jemand versteht. Ebenso unverständlich für den Betrachter bleibt die bisherige Armut des EM-Turniers an spielerischem Glanz und kreativen Elementen. Weder das spanische "Tiqui-taca"-Passspiel noch der deutsche Tempofußball fanden bisher konsequente Anwendung. Stattdessen scheint auch den spielstarken Mannschaften bisher in ihren taktischen Korsetts die Luft zum Atmen zu fehlen.

Dennoch sind es Weltmeister Spanien und Dauerrivale Deutschland, die auch nach der Vorrunde aufgrund ihrer Spielstärke beziehungsweise Effizienz die absoluten Topfavoriten bleiben. Zwischen ihnen und der Konkurrenz klafft eine beachtliche Lücke. Am nächsten dran ist noch Italien, das trotz Wettskandal-Verstrickungen einiger Spieler bisher taktisch überzeugt. Alle anderen müssen sich deutlich steigern, um in diesem Turnier eine wichtige Rolle zu spielen. Engländer, Franzosen und Portugiesen haben großes Potenzial, zeigen es bisher aber noch nicht. Und wenn sie das weiterhin nicht tun, freuen sich die beiden Außenseiter in diesem Viertelfinale: Tschechien und Griechenland. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass sie die Großen ärgern.