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Welt

Kommentar: Radikale Kräfte profitieren vom Krieg in Gaza

Stimmen der Vernunft finden immer weniger Gehör. Dabei droht die Gewalteskalation zwischen Israel und den Palästinensern radikalen Kräften in der gesamten Region neuen Zulauf zu verschaffen, meint Naser Schruf.

Wer würde das Leiden der Eltern der drei ermordeten jungen Israelis und des kurz danach bei lebendigem Leib verbrannten palästinensischen Teenagers nicht verstehen?! Aber Rache und kollektive Vergeltung sind keine passenden Antworten auf die Taten von ideologisch verblendeten Extremisten. Die gegenseitigen Angriffe auf Gaza und auf israelische Städte haben und werden keinerlei menschliches Leid abmildern. Im Gegenteil: Das Leiden wird größer und damit der Hass auf beiden Seiten. Bei andauernder Eskalation dürfte es mehr Eltern geben, die um getötete Kinder trauern, nicht weniger.

Raketen bringen nicht mehr Sicherheit

Weder Luftangriffe noch Bodenoffensiven bringen Frieden und Sicherheit im Heiligen Land. Israel hatte dies bereits Anfang 2009 versucht, als seine Truppen im Rahmen der Militäroffensive "Gegossenes Blei" in den Gazastreifen einmarschierten. Es musste sich aber nach drei Wochen wegen des steigenden internationalen Drucks zurückziehen. Das Ergebnis war erschütternd: Mehr als 1500 Todesopfer allein auf palästinensischer Seite - und ein Ausmaß an Zerstörung, das bis heute nicht behoben ist. Die israelischen Militäroperationen von 2009 und 2012 konnten trotz des Einsatzes modernster Waffensysteme auch weder den Konflikt lösen noch Israels Sicherheit spürbar erhöhen.

Radikalisierung in der gesamten Region

Naser Schruf

Der Westen muss sich einmischen, findet Naser Schruf

Mit jeder abgefeuerten Rakete, von welcher Seite auch immer, werden Radikalisierung und Gewaltbereitschaft weiter zunehmen. Davon profitieren extremistische und terroristische Organisationen in der gesamten Region. Gruppen wie die Dschihadisten der "ISIS" mit ihrem selbst ausgerufenen "Kalifat" halten sich schon jetzt für die wahren Sieger der arabischen Revolutionen. Sie sind überall präsent, im Irak und in Syrien ebenso wie im Jemen, in Libyen, in Somalia oder in Ägypten auf dem Sinai, nur ein paar Kilometer von Gaza entfernt. Radikale Gruppen dort haben längst beste Verbindungen zu ihren ideologischen Verbündeten in Gaza und reiben sich derzeit erwartungsfroh die Hände. Denn für die Rekrutierung neuer gewaltbereiter Dschihadisten eignet sich erfahrungsgemäß kaum etwas besser als ein bewaffneter Konflikt mit Israel, flankiert mit Bildern getöteter Frauen und Kinder in sozialen Netzwerken und auf den Bildschirmen der großen pan-arabischen Fernsehsender.

Leider ist die Lage vieler Palästinenser so frustrierend, dass Stimmen der Vernunft immer weniger Gehör erhalten. Der systematische Ausbau der Siedlungen in den palästinensischen Gebieten gehört hier ebenso zu den Ursachen wie kontinuierliche Massenverhaftungen, das Erstarken von Hardlinern in der israelischen Politik in den vergangenen zehn Jahren und die immer weniger realistisch erscheinenden Aussichten auf ein Friedensabkommen. Moderate Kräfte wie Palästinenserpräsident Mahmud Abbas werden dadurch systematisch geschwächt, während Hardliner und Extremisten in ganz Nahost davon profitieren.

Hilflose Appelle des Westens

Und der Westen? Aus dem Ausland kommen wie immer nur hilflose Appelle. EU und USA warnen vor einer weiteren Eskalation und fordern die Konfliktparteien zur Zurückhaltung auf. Das haben wir schon tausendmal gehört - doch es passiert viel zu wenig. Dabei wären gerade jetzt Entschlossenheit und Eile geboten: Angesichts der unberechenbaren Lage im Irak und Syrien ist es für den Westen Zeit zu begreifen, dass die ganze Region in Chaos versinken könnte, wenn nun auch noch der "Ur-Konflikt" im Heiligen Land weiter eskaliert und Extremisten in der gesamten Region ideologischen Nährstoff liefert. Es führt kein Weg daran vorbei: Palästinenser und Israelis müssen schnellstens wieder an den Verhandlungstisch gebracht werden. Und es muss auf beide Seiten gleichermaßen Druck ausgeübt werden.

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