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Fokus Osteuropa

Kommentar: Prozess gegen Dink-Mörder „Prüfstein für die Türkei“

In Istanbul stehen 18 Angeklagte wegen der Ermordung des armenisch-stämmigen türkischen Journalisten Hrant Dink vor Gericht – die wahren Hintermänner drohen im Dunkeln zu bleiben. Baha Güngör kommentiert.

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Menschen, die über den von Regierungen, Ideologien oder Parteien vorgegebenen Tellerrand hinaus denken und eigene Visionen entwickeln, können für den Staat, in dem sie leben, durchaus unangenehm werden. Das gilt auch für die etablierten Demokratien in Europa, auch wenn dort die Überlebenschancen von Andersdenkenden unvergleichbar größer sind als in Ländern, die sich noch an der Schwelle in Richtung Europa befinden. Zu diesen gehört die Türkei, die sich immer noch auf einer Leidensstrecke in Richtung klar definierbare politische und weltanschauliche Identität bewegt. In dieser Entwicklungsphase gibt es immer wieder angebliche “Retter” von Land und Volk, die Menschen töten oder töten lassen, weil sie anders denken und das auch international hörbar artikulieren.

Auftraggeber im Untergrund

Hrant Dink machte keinen Hehl daraus, dass die Türkei sich zu ihrer Geschichte bekennen und die Erblasten des Osmanischen Imperiums übernehmen müsse. Dazu gehöre auch die Anerkennung des Todes von hunderttausenden Armeniern in den Jahren 1915/1916 mitten im Ersten Weltkrieg als Völkermord. Dink war aber auch ein Kritiker von europäischen Parlamenten, wie dem französischen Parlament, das die Leugnung des Völkermords per Gesetz unter Strafe stellt.

Neben Journalisten, Intellektuellen oder aufgeklärten Politikern wurden in jüngster Zeit auch einfache Vertreter von nicht-islamischen Gemeinden von irregeführten jungen Menschen teilweise brutal umgebracht. Die Festgenommenen sind die Vollstrecker von Auftraggebern im Untergrund, die endlich ermittelt und aufgedeckt werden müssen. Andernfalls drohen der Türkei fatale Rückschläge auf ihrem Weg in Richtung europäische Werte und Normen des 21. Jahrhunderts.

Vom Idealzustand weit entfernt

Doch nicht minder wichtig ist es gegenwärtig, dass die Hoffnung auf eine ethnische und religiöse Vielfalt in der Türkei nicht stirbt. Denn innerhalb der Grenzen der Türkei befinden sich Regionen, die früher Zentren von Zivilisationen waren, in denen die Wurzeln von Demokratie, Aufklärung und friedlicher Koexistenz von Weltanschauungen entstanden. Das friedliche Zusammenleben von ethnischen und religiösen Gemeinden erfordert über die Toleranz hinaus die gegenseitige Anerkennung als gleichwertig.

Von diesem Idealzustand ist die Türkei noch ebenso weit entfernt wie andere Staaten in Europa, in denen teilweise noch im vergangenen Jahrzehnt blutige ethnische Säuberungen stattgefunden haben. In diesen Ländern hat die Orientierung in Richtung Europa viel gebracht. Denn ohne sie säßen die Kriegsverbrecher der 90er Jahre heute nicht vor internationalen Tribunalen auf Anklagebänken oder in Gefängnissen.

Wirksames Gegengift

Damit aber auch in der Türkei eine positive Wende leichter erreicht werden kann, braucht auch die Türkei diese Europa-Orientierung. Um auch in der Türkei finsteren Machenschaften von Ultranationalisten oder religiösen Fanatikern einen Riegel vorschieben zu können, sollten sich die Europäer dazu verpflichtet fühlen, diesem treuen Verbündeten in schweren Zeiten die Tür zur Integration in die europäische Wertefamilie offen zu lassen.

Denn die zeitgenössischen Werte moderner Gesellschaften sind die wirksamsten Gegengifte gegen diese Personen und Kreise, die sich als “Retter” betrachten, von denen sich die Türkei aus eigener Kraft, aber mit europäischer Unterstützung befreien muss. Somit ist der Mordfall Dink ein Prüfstein für die hohen Ziele der Türkei in Richtung Europa.

Baha Güngör

DW-RADIO/Türkisch, 3.7.2007, Fokus Ost-Südost