Kommentar: Pharmakonzerne sind keine Wohltätigkeitsvereine | Kommentare | DW | 27.01.2016
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Kommentare

Kommentar: Pharmakonzerne sind keine Wohltätigkeitsvereine

Das Zika-Virus grassiert in Südamerika. Und schon heißt es wieder: "Warum hat die Pharmaindustrie noch keinen Impfstoff dagegen entwickelt?" Wissenschaftsjournalistin Brigitte Osterath hält solche Fragen für blauäugig.

Einen Kommentar zu schreiben, der nicht gegen die Pharmaindustrie wettert, ist schwer. Von Journalisten wie mir wird erwartet, gegen die milliardenschweren Pharmakonzerne, die mit Medikamenten ihr Geld verdienen, Position zu beziehen. Berichte, bei denen Pharmakonzerne gut oder auch nur neutral wegkommen, sind verpönt. Ich wage es trotzdem.

Derzeit sind die Medien voll von Berichten über das Zika-Virus, das bei Schwangeren das ungeborene Kind schädigt und sich bereits in 21 Ländern ausgebreitet hat. Wie bei so vielen Krankheitserregern weltweit gibt es weder heilende Medikamente noch einen Impfstoff. Das war bisher auch nicht dringend nötig. Das Zika-Virus tötet nicht, bei Erwachsenen verlaufen Infektionen in der Regel harmlos. Erst vor kurzem, während der gerade stattfindenden Epidemie wurde Medizinern klar, welche Gefahr das Virus in sich birgt: dass es höchstwahrscheinlich bei Ungeborenen schwere Gehirnschäden verursachen kann.

Trotzdem erwarten Menschen, dass die Pharmaindustrie schnell einen Impfstoff aus dem Hut zaubert. Offensichtlich schreiben viele den Mitarbeitern der Pharmakonzerne hellseherische Fähigkeiten zu. Egal, welcher Erreger plötzlich aus dem Urwald auftaucht und sich ausbreitet - die Pharmakonzerne sollten da schon mal was vorbereitet haben.

Realistisch sein!

Ein beliebter Satz, nicht nur am Stammtisch, sondern auch unter Wissenschaftsredakteuren lautet: "Es gibt nur noch keinen Impfstoff gegen xyz, weil die Pharmaindustrie damit kein Geld verdienen kann." Ja, sicher. Etwas anderes zu erwarten, ist schlichtweg blauäugig.

Brigitte Osterath

Wissenschaftsjournalistin und Chemikerin Brigitte Osterath

Pharmakonzerne sind keine Wohltätigkeitsvereine. Pharmakonzerne sind Unternehmen, die Geld verdienen wollen und müssen, damit sie weiterbestehen. Wer erwartet, dass Unternehmen sich aus reiner Menschenliebe in Unkosten stürzen, um eine Impfung gegen einen Erreger zu entwickeln, der bisher außer bei Tropenspezialisten nie ein Thema war, ist weltfremd.

Die meisten unterschätzen die Entwicklungsarbeit, die in einem Impfstoff steckt. So etwas kann nicht ein einziger Wissenschaftler mal eben aus dem Ärmel schütteln. Klinische Studien sind aufwändig und teuer. Die Medikamentenentwicklung ist mit einem hohen unternehmerischen Risiko verbunden.

Interessanterweise denken viele Menschen äußerst wirtschaftlich, wenn es um Unternehmen anderer Branchen geht. Die Tabakindustrie stellt Produkte her, die süchtig und krank machen und den Tod von Millionen verursachen. Trotzdem bringen um mich herum viele Mitmenschen in der Diskussion um ein Tabakverbot früher oder später das Argument: "aber die Arbeitsplätze…" Dasselbe gilt sogar für Unternehmen, die Waffen und Munition herstellen und in Kriegsgebiete verkaufen.

Lediglich der Pharmaindustrie verbietet man wirtschaftliche Interessen: Das gehört sich einfach nicht für Firmen, die Medikamente herstellen.

Die Krux liegt woanders

Das bedeutet keinesfalls, dass Pharmakonzerne immer das Richtige tun. Oft habe auch ich über ihr Vorgehen den Kopf geschüttelt. Zum Beispiel, als Novartis vor einigen Jahren dagegen geklagt hatte, dass indische Hersteller günstige Generika von Novartis' Antikrebsmittel Glivec herstellen. Nur gut, dass der Konzern den Patentstreit verloren hat.

Natürlich sind viele Tropenkrankheiten seit Jahrzehnten ein Problem und kosten Millionen Menschen das Leben. Selbstverständlich müssen Medikamente und Impfstoffe auch gegen solche Krankheiten entwickelt werden. Und ganz klar: Pharmakonzerne machen mehr Gewinn, als sie sollten.

Theoretisch würde es reichen, wenn sie bei plus/minus null herauskommen würden. Aber wer das fordert, vergisst, in welchem Wirtschaftssystem wir leben. Pharmakonzerne sind fast immer Aktiengesellschaften. Sie müssen sich vor ihren Aktionären verantworten. Das führt dazu, dass sich Impfstoffentwicklung lohnen muss. Wer für alles Elend in der Welt alleine den Pharmakonzernen die Schuld gibt, macht es sich schlichtweg zu leicht.

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