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Politik

Kommentar: Opium fürs Volk?

Chinas herrschende Kommunistische Partei ist nach wie vor streng atheistisch. Dennoch findet am Donnerstag (13.4.2006) im ostchinesischen Hangzhou das "World Buddhist Forum" statt. Matthias von Hein kommentiert.

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Buddhistische Nonnen und Mönche bei der Eröffnungsfeier des "World Buddhist Forum".

Natürlich ist es gut, wenn jetzt in China zum ersten Mal seit über fünf Jahrzehnten ein großer internationaler religiöser Kongress stattfinden kann. Der Terror der Kulturrevolution der 1960er Jahre mit der massenhaften Zerstörung von Tempeln und der ebenso massenhaften Demütigung und Misshandlung von Angehörigen aller Religionen ist schließlich noch nicht vergessen. Dennoch beschleicht einen beim Blick auf das "World Buddhist Forum" im ostchinesischen Hangzhou ein Gefühl, als würde der Verband der Fleischverarbeitenden Industrie einen Vegetarierkongress veranstalten.

Parteimitglieder müssen atheistisch sein

Das Forum findet unter der strengen Aufsicht einer Kommunistischen Partei statt, die sich auch heute noch als explizit atheistisch versteht. Angesichts ihrer ideologischen Aushöhlung versucht die Führung zurzeit, die gut 70 Millionen KP-Mitglieder mit einer maoistisch anmutenden Kampagne auf Linie zu bringen. Dazu gehören das obligatorische Studium von Parteidokumenten, Kritik und Selbstkritik, Prüfungen müssen abgelegt werden - und: Die Parteimitglieder müssen sich von jedweder Religion distanzieren.

Toleranz aus politischem Kalkül

World Buddhist Forum in der chinesischen Stadt Hongzhou, China 2006

Buddhistische Mönche beim "World Buddhist Forum".

Wenn sich in China dennoch über 1000 Mönche und Buddhismus-Experten zu einem internationalen Forum versammeln können, dann muss sich die politische Führung davon etwas versprechen. Zum einen fällt das Datum auf: am Osterwochenende, kurz vor dem Besuch von Staatspräsident Hu Jintao in den USA. Ein Zeichen von größerer religiöser Toleranz kommt bei dem Gastgeber im Weißen Haus sicher gut an. Als zweites fällt das Motto des Forums auf: "Eine harmonische Welt beginnt mit einem harmonischen Bewusstsein". Das erinnert sehr an die "harmonische Gesellschaft", von deren Schaffung Hu Jintao seit seinem Amtsantritt 2003 beständig spricht.

Von Harmonie keine Spur

Allerdings zählte man in China im letzten Jahr offiziell nicht weniger als 87.000 gewaltsame Proteste. Von Harmonie also keine Spur. Wo sollte sie auch herkommen? Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, die Korruption grassiert und es herrscht ein ebenso hemmungsloser wie gnadenloser Materialismus in dem nichts anderes zählt als Geld. Die alten kommunistischen Ideale sind abgewirtschaftet. Es herrscht ein geistiges Vakuum. Moralische Standards sind China abhanden gekommen.

Opium fürs Volk

Karl Marx

Schon Karl Marx hat es gewusst: Religion als Opium fürs Volk.

Da bekommt selbst in den Augen der Kommunistischen Partei Religion wieder eine Funktion. Dazu passt eine Äußerung des Präsidenten der Staatlichen Behörde für religiöse Angelegenheiten im Vorfeld des Buddhismus-Forums: Er sagte, Buddhismus könnte die Risse in Chinas Gesellschaft heilen und den Gläubigen helfen, mit den großen Veränderungen in der chinesischen Gesellschaft fertig zu werden. Das klingt, als wolle die KP, um mit Lenin und Karl Marx zu sprechen, Religion jetzt tatsächlich als Opium fürs Volk missbrauchen.

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