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Deutschland

Kommentar: Opfer sein und Opfer bringen

Die vielen Verletzten des Nagelbomben-Attentats in der Kölner Keupstraße haben zwar überlebt, aber sie leiden schwer unter der Vergangenheit. Als Zeugen im NSU-Prozess leisten sie Großes, meint Marcel Fürstenau.

Seit Dienstag sitzen sie der mutmaßlichen Rechtsterroristin Beate Zschäpe gegenüber. Nur wenige Meter trennen sie von der Frau, die im Prozess gegen den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) wegen zehnfachen Mordes und mehrfachen versuchten Mordes angeklagt ist. Ob es im Saal A 101 des Münchener Oberlandesgerichts zu Blickkontakten zwischen der Hauptangeklagten und den vielen als Zeugen geladenen Opfern des Nagelbomben-Anschlags am 9. Juni 2004 in Köln kommt, ist von der höher gelegenen Besuchertribüne nicht zu erkennen.

Welche Gedanken gehen diesen Menschen durch den Kopf, deren Leben durch die perfide geplante Bomben-Explosion vor einem Friseursalon in der Keupstraße ins Wanken geraten ist? Hegen die überwiegend türkischstämmigen Opfer Hass- oder Rachegefühle gegenüber Zschäpe, deren tote Komplizen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos die Tat mutmaßlich durchgeführt haben? Menschlich verständlich wäre es. Aber selbstverständlich gilt für die völlig teilnahmslos wirkende Hauptangeklagte die Unschuldsvermutung - bis zum Beweis des Gegenteils.

Wichtig: Kühler Kopf trotz des menschlichen Leids

In einem rechtsstaatlichen Strafverfahren ist formal betrachtet kein Platz für Emotionen. Das klingt hartherzig, ist es aber nicht. Nur mit kühlem Kopf kann es gelingen, bei der im NSU-Prozess besonders schweren Suche nach der Wahrheit am Ende erfolgreich zu sein. Auf dem Weg dorthin leisten die oft schwer traumatisierten Bomben-Opfer aus der Keupstraße einen wichtigen Beitrag. Sie überwinden sich, öffentlich über das ihnen an Leib und Seele zugefügte Leid zu reden. Über den fürchterlichen Knall, das viele Blut, die Verbrennungen, die Nägel und Scherben, die in ihnen steckten.

DW-Korrespondent Marcel Fürstenau aus dem Berliner Hauptstadtstudio

DW-Korrespondent Marcel Fürstenau berichtet regelmäßig vom NSU-Prozess

"Das Vortragen der Ereignisse fügt mir enorme Schmerzen zu", sagt am Mittwoch der Friseur, vor dessen Laden die auf einem Fahrrad deponierte Bombe explodierte. Auch anderen Opfern fällt es sichtlich schwer, über die bedrückende Vergangenheit zu reden, deren Schatten sie niemals loswerden. Für ihre Bereitschaft, sich dieser Belastung auszusetzen, gebührt allen Opfer-Zeugen höchster Respekt. Sie bringen ein Opfer, das für die deutsche Gesellschaft beschämend ist. Denn durch ihre Schilderungen fließt jener Aspekt auf beklemmende Weise in den NSU-Prozess ein, der strafrechtlich gar nicht zur Debatte steht: das staatliche Versagen.

Die gesellschaftliche Dimension des Prozesses

Alle (männlichen) Opfer berichten darüber, wie sie schon kurz nach dem Anschlag von der Polizei als Verdächtige behandelt wurden. Das ist gut drei Jahre nach dem Auffliegen des NSU zwar alles lange bekannt. Aber es tut gut, die Betroffenen persönlich darüber in diesem Strafverfahren zu hören. Das Anklagende wird durch die Aussagen der Opfer im denkbar besten Sinne authentisch. Es ist ein riesiger Unterschied, ob man über Speichelproben und entwürdigende Verhöre Unschuldiger in Büchern liest, oder es aus dem Munde der Erniedrigten hört.

"Das war für mich eine zweite Verletzung", sagt der Friseur aus der Keupstraße über Fragen nach Verbindungen ins Rotlicht-Milieu, zur Mafia oder zur in Deutschland verbotenen kurdischen Partei PKK. Sätze wie diese sind jenseits der Frage nach Schuld und Sühne hilfreich, um die gesellschaftliche Dimension des NSU-Terrors zu erfassen. Das Motiv war schließlich ein in Deutschland nicht mehr für möglich gehaltener Rassismus. Durch die Aufdeckung der wahren Hintergründe fühlt sich der Friseur aus der Keupstraße aber auch "teilweise rehabilitiert". Gut, dass er als Zeuge im NSU-Prozess auch diesen Satz sagt.

Es ist schwer, aus der Opfer-Rolle herauszufinden

Vielleicht gelingt es ihm, vielleicht gelingt es allen überlebenden Opfern, früher oder später ihren inneren Frieden wiederzufinden. "Ich will nicht ewig Opfer sein": Dieser fast schon trotzig klingende Satz stammt von Gamze Kubasik. Ihr Vater Mehmet Kubasik wurde zwei Jahre nach dem Kölner Nagelbomben-Attentat in Dortmund mutmaßlich vom NSU erschossen. Wie schwer es ist, aus der Opfer-Rolle herauszukommen, ist in diesen Tagen beim Prozess in München stark zu spüren. Ob sie einen Ausweg finden, wird entscheidend vom Ausgang des Prozesses abhängen.

Auf einen Schuldspruch in ihrem Sinne dürfen sie hoffen. Sie könnten aber auch enttäuscht werden. So oder so ist ihr Beitrag zum NSU-Prozess und darüber hinaus von bleibendem Wert. Barbara John, die von der Bundesregierung eingesetzte Ombudsfrau der NSU-Opfer und ihrer Angehörigen, hat es auf den Punkt gebracht: "Der Schmerz der Familien ist auch unser Schmerz, eingebrannt in die Nachkriegsgeschichte unseres Landes."

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