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Standpunkt

Kommentar: Opel wieder Spielball für alle

Um den Autobauer Opel war es im Schatten der VW-Abgaskrise vergleichsweise ruhig geworden. Doch mit der Ruhe ist es mit einem Schlag vorbei. Die Marke mit dem Blitz wird wieder zum Spielball, meint Henrik Böhme.

Kaum war der erste Donnerschlag vom Dienstag verhallt, brachten sich sofort deutsche Politiker in Stellung: Malu Dreyer, Ministerpräsidentin des Bundeslandes Rheinland-Pfalz sorgte sich sogleich um das Opel-Getriebewerk in Kaiserslautern, ihr hessischer Amtskollege Volker Bouffier um das Werk in Rüsselsheim, seit jeher der Stammsitz von Opel. Dort fing vor 155 Jahren alles an - und dort könnte es bald auch enden.

Groß war freilich auch die Aufregung bei Brigitte Zypries von der SPD, die derzeit in Berlin die Wirtschaftsministerin gibt. Es könne doch wohl nicht sein, so die Ministerin im Gleichklang mit der Gewerkschaft IG Metall, dass man nicht über die schon länger laufenden Verhandlungen zwischen der Opel-Mutter General Motors und dem französischen Autobauer PSA informiert worden sei.

Doch, das kann sein. Es gibt zunächst keine Informationspflicht, wenn ein Unternehmen eine seiner Töchter zum Verkauf ins Schaufenster stellt. Was hingegen gar nicht geht, ist, dass Opel-Chef Karl-Thomas Neumann erst in dieser Woche von den Verhandlungen erfahren durfte. Ein Skandal, der aber zeigt, wie es um das Verhältnis zwischen GM und seiner ungeliebten Tochter Opel steht.

Boehme Henrik Kommentarbild App

Henrik Böhme, DW-Wirtschaftsredaktion

Lange Geschichte, wenig Freude

Also dröseln wir die Geschichte auf. General Motors, der große amerikanische Autobauer, griff vor bald 90 Jahren zu, als Opel 1928 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Nach schlechten Zeiten (Weltwirtschaftskrise, Zweiter Weltkrieg) folgten bald bessere Zeiten (Wirtschaftswunder), Opel wuchs und wuchs zur Freude der Mutter im fernen Detroit. Doch irgendwann nach 1980 brach die Erfolgssträhne ab, und Opel wurde ein Problemkind. Es wurde und wurde nicht besser, und als dann die Weltfinanzkrise losbrach, kam auch die Mutter GM schwer ins Schleudern und wollte die Tochter Opel loswerden. Das war 2008, und auch damals brachte sich eilends die Politik ins Spiel, um Opel zu retten. Eine Krisensitzung jagte die nächste. Und als schließlich nach einem komplizierten Prozess eine eher abenteuerliche Lösung auf dem Tisch lag (Zuschlag an den kanadischen Zulieferer Magna und die russische (!) Sberbank), machte GM einen Rückzieher und behielt Opel doch. Anderthalb Jahre Zitterpartie für die Beschäftigten hatten zunächst ein Ende.

Aber eine wirkliche Leidenschaft haben sie in Detroit für Opel nicht mehr entwickelt. Das dürfte unter anderem daran liegen, dass Opel seit 1999 keinen einzigen Gewinn auf das GM-Konto überweisen konnte. Und nun, als es gerade anfing, besser zu laufen, kamen die Sanktionen gegen Russland (wo sich Opel große Chancen ausgerechnet hatte) und die Brexit-Abstimmung (was die britische Opel-Schwestermarke Vauxhall durch das schwache Pfund heftig traf). Schön ist anders, dürften sie in Detroit gedacht haben.

Ziel: Nummer Zwei in Europa

Und vor allem dachten sie über Frankreich nach. Denn mit dem PSA-Konzern, von dessen Bändern Autos der Marken Peugeot und Citroën rollen, arbeitet Opel schon seit geraumer Zeit zusammen. Könnte man da nicht mehr draus machen? Ja, könnte man. Denn auch der Chef von PSA, Carlos Tavares, der den Konzern in den vergangenen drei Jahren vom Pleitekandidaten wieder zu einem rentablen Unternehmen gemacht hat, hat ehrgeizige Pläne. Ihn interessiert vor allem Größe (was bei einem Hersteller von sogenannten Volumen-Modellen wichtig ist). Und es ärgert ihn massiv, dass er hinter den französischen Rivalen Renault zurück gefallen ist. Die Nummer Zwei in Europa zu sein hinter VW - das reizt ihn. Und da kommt der angeschlagene Rivale in Rüsselsheim gerade recht.

Das Problem dabei ist freilich: Zwei Fußkranke (auch wenn es PSA mittlerweile wieder besser geht) zusammen machen noch keinen Gesunden. Beide Produktpaletten überschneiden sich in wesentlichen Teilen. Da ergänzt sich vergleichsweise wenig. Und das lässt die Alarmglocken in Rüsselsheim und an den anderen deutschen Standorten (Kaiserslautern und Eisenach) besonders schrill läuten. Denn kommt es zur Übernahme, wird man alle Standorte genau unter die Lupe nehmen. Es wird sich zeigen, dass Werke bei PSA wie bei Opel nicht ausgelastet sind. Im Ergebnis wird es Werksschließungen geben müssen, Tausende Jobs dürften vor allem bei Opel auf dem Spiel stehen. Und das in einer Zeit, in der Autobranche sowieso vor einem gravierenden Umbruch steht - Elektromobilität und Autonomes Fahren lassen grüßen.

Für die kommenden Wochen können sie bei der Konkurrenz in Wolfsburg erst mal aufatmen. Die negativen Schlagzeilen bestimmt jetzt wieder Opel.                       

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