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Standpunkt

Kommentar: Olympische Krokodilstränen

Diskuswerfen. Turmspringen. Reck. Immer nach Olympischen Spielen kennt jeder die Sportarten, nach denen sonst kein Hahn kräht. Nun sind die Spiele nicht mehr bei ARD und ZDF zu sehen. Auch kein Drama, meint Marko Langer.

Für ARD und ZDF war es eine Niederlage mit Anlauf: Schon im vergangenen Jahr hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) einen Deal gemacht, der nicht gut aussah für die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland. Die Senderechte gingen diesmal an den US-Medienkonzern Discovery, dem unter anderem Eurosport gehört. Und zwar für die Jahre 2018 bis 2024, für die stolze Summe von 1,3 Milliarden Euro. Zwei Olympische Sommer- und zwei Winterspiele. Rums - das saß!

Nicht so schlimm, dachten sich die Senderchefs in Deutschland, als sie sich von der überraschenden Nachricht erholt hatten. Die Amis werden uns schon etwas vom Kuchen abgeben, wenn wir dafür zahlen. Doch jetzt ist die Nummer durch. Discovery hat die Gespräche beendet, nachdem ARD und ZDF nicht bereit waren, mehr als 100 Millionen Euro auf den Tisch zu legen. Und nochmal: Rums!

480. In Worten: Vierhundertachtzig

Nun sind viele traurig in Deutschland: Die Senderchefs Ulrich Wilhelm und Thomas Bellut sprechen von einer "Schmerzgrenze", die man nicht überschreiten wollte. Was sie nicht sagen: Ihre Networks mit den vielen Sendern, noch mehr TV-Kanälen und Dutzenden von Rundfunkwellen stehen massiv unter Druck. Deren Gigantomanismus gehört der Vergangenheit an. In Rio de Janeiro und zuvor in London waren ARD und ZDF mit 480 Mitarbeitern vertreten. Vierhundertundachtzig!

Marko Langer Kommentarbild App PROVISORISCH (Sarah Ehrlenbruch)

Marko Langer, DW-Nachrichtenredaktion

Traurig sind auch die Sportler in Deutschland. Ihr oberster Funktionär, DOSB-Präsident Alfons Hörmann, gab zu Protokoll: Zuletzt hätten "ARD und ZDF aus Sicht des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) eine exzellente Berichterstattung über die verschiedenen Kanäle sichergestellt".

Such' mal nach Gisele ...

Das kann man auch anders sehen. Die Mediathek- und Online-Angebote der ARD zum Beispiel waren - im Gegensatz zum sehr engagierten ZDF - ein schieres Desaster. Wer bestimmte Sportarten suchte oder sich auch nur den Catwalk von Super-Model Gisele Bündchen nach der Eröffnungsfeier gezielt nochmal ansehen wollte, konnte lange suchen.

Dem obersten Sportfunktionär Hörmann geht es natürlich nicht um Gisele Bündchen, sondern um einen ganz anderen Punkt: Er will sicherstellen, dass auch Disziplinen wie Diskuswerfen, Turmspringen oder Turnen (siehe oben) ihren Platz in der Berichterstattung finden und damit ein breites Publikum. Da haben die übertragenden Sender natürlich ihre Macht: Sportler werden durch Erfolge groß. Und durch die Bilder, die diese Erfolge zeigen.

Deutschland |Bilanz der 40. Sportministerkonferenz (picture-alliance/dpa/C. Seidel)

Alfons Hörmann, oberster Sportfunktionär in Deutschland

Manche Beobachter - wie etwa der kundige Thomas Kistner von der "Süddeutschen Zeitung" - wenden ein, dass die Olympischen Spiele kein Verlust für die TV-Zuschauer sind, da sie ohnehin dopingverseucht seien. "Wenn die Olympischen Spiele gerade jetzt im Spartensender landen, wird das ihren Bedeutungsverlust hierzulande nur beschleunigen", schreibt Kistner zur Rechte-Entscheidung.

Vergessen wird dabei: Dies würde auch einen Bedeutungsverlust für den Sportstandort Deutschland mit sich bringen. Und vergessen wird auch: Viele Menschen holen sich Ihre Informationen eben nicht mehr aus der großen Glotze, sondern aus der kleinen. Bei den jungen Zuschauern zählen ohnehin nur noch Smartphone und andere Mobilgeräte. Da ist es ohnehin egal, ob man die 1 (ARD), die 2 (ZDF) oder die 182 (Programmplatz von Eurosport in unserer Redaktion) drückt. 

Also: Vergießen wir mal keine Krokodilstränen. 2018, nach den Olympischen Winterspielen von Pyeongchang, sind alle etwas schlauer. Nicht nur im Sport gilt: Neue Konkurrenten machen den Wettkampf in der Regel spannender.

Lutz Hachmeister (Jim Rakete)

"Halbkriminelles System": Lutz Hachmeister, Chef des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik

Auch neutrale Experten (wenn es sie denn überhaupt gibt) raten zu Gelassenheit. "Vollkommen richtig", nennt Lutz Hachmeister, Chef des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik, die Entscheidung von ARD und ZDF. Man dürfe ja nicht vergessen, dass man sich beim Geschacher um Sportrechte mit einem "halbkriminellen System" einlasse, sagte Hachmeister im Gespräch mit der Deutschen Welle. Dies werde sich auch im Fußball noch herumsprechen, und die BBC habe ja bereits bewiesen, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender auch gut ohne Fußballrechte auskomme. Mit dem Geld könne man auch andere Sachen anstellen. Also auch hier: keine Krokodilstränen, bitte!

Wer erinnert sich schon an TM3

Und Eurosport? Der kleine Sender mit seiner Europa-Zentrale in Paris kann nun beweisen, dass es ihm Ernst ist. Dass es nämlich nicht nur darum geht, ein  Sendesignal vom IOC zu übernehmen und Werbezeiten zu verschachern. Sondern dass es um Sport-JOURNALISMUS geht! Ob die Eurosport-Leute diesen Test bestehen? Mal sehen. Man kann sich auch überheben - wie ein überforderter Gewichtheber. Erinnert sei an das Beispiel der Fußball Champions League im Jahr 1999: Damals kaufte ein kleiner und unbekannter Sender namens TM3 - bis dahin mit einer Art Frauen-TV aufgefallen - die Senderechte an dem Fußball-Großereignis. Und wer überträgt es heute? Sky (Pay-TV) und ZDF (frei empfangbare Spiele). Aus TM3 wurde stattdessen 9Live. Und das wurde 2011 eingestellt.

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