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Amerika

Kommentar: Obamas Kampf gegen Bushs Irak-Erbe

Das Weiße Haus wird von den Geistern der Vergangenheit heimgesucht: Islamisten haben ein Drittel des Iraks erobert. US-Präsident Barack Obama muss handeln - sein Spielraum ist begrenzt, meint Michael Knigge.

Wenn "Ich hab's dir doch gesagt" je auf eine Situation zutraf, dann auf diese. Zwei Monate bevor die USA 2003 in den Irak einmarschierten, warnte ein geheimer Bericht der CIA das Weiße Haus und den Kongress: Der Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein könne zu mehr islamistischem Terror im Irak und der Region führen. Im Bericht war die Rede von einer realistischen Möglichkeit, dass es zu gewalttätigen Konflikten zwischen regionalen Kräften im Irak kommen könne.

Präsident George W. Bush schlug diese Warnung bekanntermaßen in den Wind und sagte wiederholt, dass die Welt ohne Saddam Hussein besser dran sei als mit ihm. Heute, 14 Jahre und Zehntausende Kriegstote später, droht eine islamistische Terrorgruppe das Land zu übernehmen, die sogar Al-Kaida für zu radikal hält. Das dürfte selbst den ehemaligen US-Präsidenten nachdenklich machen.

Jetzt ist es an Bushs Nachfolger Barack Obama, einem erklärten Gegner des Irakkrieges: Obama und sein Verteidigungsminister Chuck Hagel, der als Senator einer von Bushs größten Kritikern unter den Republikanern war und den Irak mit Vietnam verglich, müssen versuchen, die Situation im Irak zu klären. Das ist eine wahre Herkulesaufgabe.

Um zu verhindern, dass die ultra-radikale ISIS-Gruppe ("Islamischer Staat im Irak und in Syrien") vollständig den Irak übernimmt, wird Obama seine Hände schmutzig machen und in das blutige Chaos eingreifen müssen, das diverse Volksgruppen und Anhänger verschiedener Glaubensrichtungen im Irak angerichtet haben. Dabei war er mit dem Versprechen ins Weiße Haus eingezogen, den Krieg im Irak zu beenden. Und dieses Versprechen hatte Obama auch eingelöst, als er vor zwei Jahren alle Soldaten des Kampfeinsatzes nach Hause holte.

Obama hat zwar ausgeschlossen, US-Soldaten in den Irak zu schicken, aber die USA werden im Kampf mit ISIS militärisch zurückschlagen müssen. Trotz jahrelangem Training durch die USA und die NATO ist die irakische Armee dazu offensichtlich nicht alleine in der Lage. Da der Irak keine richtige Luftwaffe hat, sind die Vereinigten Staaten der einzige Partner, der die Mittel hat, zumindest den Vormarsch von ISIS aufzuhalten.

Um das zu schaffen, muss die Obama-Regierung Drohnen und, falls nötig, zusätzliche Militärflugzeuge in den Irak schicken. Washington hatte eine ähnliche Forderung der irakischen Regierung vor einiger Zeit zurückgewiesen. Jetzt muss Obama Verantwortung übernehmen und der Forderung stattgeben. Zusätzlich sollten die USA das irakische Militär logistisch und mit Geheimdienstinformationen unterstützen und dabei helfen, eine Strategie zu entwickeln, um ISIS zu schlagen. Wahrscheinlich machen die USA all das sogar schon.

Unglücklicherweise ist das aber nur eine kurzfristige Lösung. US-Militär in den Irak zu schicken, um ISIS davon abzuhalten, Bagdad zu übernehmen, wäre das Gleiche, wie ein Pflaster auf eine eiternde Wunde zu kleben. Das stoppt die erste Blutung, heilt aber nicht die tiefer liegende Entzündung. Um den Irak, einen beinahe gescheiterten Staat mit unfähigen Institutionen, in ein funktionierendes Land zu verwandeln, ist "Nation-Building" gefragt - schon wieder.

Wenn man auf die Vergangenheit schaut, dann stehen die Chancen schlecht, dass die USA und der Westen alleine erfolgreich - und Willens - sein würden, dies ein zweites Mal zu versuchen. Die größte, wenn auch schwache, Hoffnung für den Irak liegt darin, sich selbst neu aufzubauen - mit Unterstützung der Partner aus der Region und einer Sicherheitsgarantie der USA. Für Obama sind das schlechte Nachrichten. Das Irak-Kapitel im Geschichtsbuch der USA wird nun doch noch weitergeschrieben.

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