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Europa

Kommentar: Noch kein klarer Kurs gegen den Terror

Wie steht eigentlich die Türkei zum "Islamischen Staat"? Lange war es ganz still in Ankara. Nun ist man für Angriffe, will aber selbst nicht aktiv helfen. Erdogan muss sich endlich entscheiden, meint Baha Güngör.

Porträt des türkischen Staatspräsidenten Erdogan (Foto: RIA Novosti)

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan

Zu beneiden ist die Türkei wahrlich nicht: An ihren Grenzen terrorisiert die brutalste Gruppe der Gegenwart weite Regionen zweier Nachbarstaaten. Sowohl im Irak als auch in Syrien sehen Hunderttausende Menschen keine andere Möglichkeit mehr, als in die Türkei zu flüchten, um ihr Leben zu retten. Gleichzeitig aber versuchte Recep Tayyip Erdogan, der sonst nicht zimperlich in der Anwendung von Gewalt gegen seine Gegner im eigenen Land ist, den "Islamischen Staat" (IS) mit Samthandschuhen anzufassen und ihn ja nicht gegen sich aufzubringen.

Welcher Preis wurde bezahlt?

Die 49 türkischen Staatsbürger, die die Terrormiliz IS im türkischen Generalkonsulat in Mossul in ihre Gewalt gebracht hatte, sind inzwischen frei. Doch ist immer noch nicht bekannt, zu welchem Preis. Es ist schon eigenartig, dass die Dschihadisten einerseits westliche Geiseln mit erschreckender Brutalität töten, den türkischen Geiseln aber nichts angetan haben. War das die Belohnung für bislang unbekannte Dimensionen türkischer Unterstützung für die religiös fanatischen Teile der syrischen Opposition im Kampf gegen das Regime in Damaskus?

Porträt von Baha Güngör, Leiter der Türkischen Redaktion der DW (Foto: DW)

Baha Güngör leitet die Türkische Redaktion der DW

Fest steht, dass Erdogan nun viel leichter die Luftangriffe seiner von den USA angeführten westlichen Verbündeten gutheißen kann. Er sagte in mehreren Interviews gar logistische Hilfe zu - allerdings ohne eine direkte Beteiligung seines Landes. Davor schreckt der NATO-Staat Türkei weiterhin zurück - so sehr, dass der türkische Generalstab sofort auf Medienberichte reagierte, nach denen die Flugzeuge der Amerikaner zu ihren Angriffen auf IS-Stellungen in der Türkei gestartet sein sollen. Kein bewaffnetes US-Flugzeug und keine bewaffnete Drohne dürfe den türkischen Luftraum benutzen, hieß es von offizieller Seite. Das gelte vor allem für den US-Stützpunkt im türkischen Incirlik am Mittelmeer.

Erdogan muss jetzt Farbe bekennen

Wenn Erdogan aber seinen bisherigen Wackelkurs schon verlassen hat, so sollte er jetzt auch Farbe bekennen und sich auf ein direktes militärisches Engagement vorbereiten. Und zwar aus purem Eigeninteresse. Denn kein Land des Westens hat größere Flüchtlingsströme zu bewältigen: Die Zahl der Flüchtlinge aus dem Irak und jetzt aus Syrien nähert sich der Zwei-Millionen-Marke. Die Proteste der eigenen Bevölkerung gegen die katastrophalen Zustände im Grenzgebiet werden immer lauter. Sollen die Geflohenen heimkehren können, ist ein hartes Vorgehen gegen den "Islamischen Staat" unumgänglich. Und immerhin verfügt die Türkei über die zweitgrößte Armee aller NATO-Staaten.

Die falsche Außenpolitik Ankaras rächt sich jetzt. Bei den Umwälzungen in den arabischen Staaten fiel die Türkei mit einer orientierungslosen Politik auf. Als der Bürgerkrieg in Syrien begann, schlug sich Erdogan sehr schnell auf die Seite der Gegner von Diktator Baschar al-Assad und setzte auf dessen schnellen Sturz. Jetzt muss er mit ansehen, wie im Westen darüber nachgedacht wird, Damaskus und Bagdad mit ins Boot im Kampf gegen die IS-Terroristen zu holen. Zudem muss die Türkei auch noch damit leben, dass die Kurden in den Nachbarstaaten vom Westen bewaffnet werden, damit sie sich gegen die IS-Milizen wehren können.

Nein, die Türkei ist wahrlich nicht zu beneiden. Sie hat sich mit ihren außenpolitischen Fehlern in eine Sackgasse manövriert. Den Weg hinaus kann sie nur gemeinsam mit den westlichen Verbündeten finden und muss deshalb deren Kurs unterstützen. Der heißt ganz klar: aktiver Kampf gegen den "Islamischen Staat". Neue Wackeleien im Umgang mit den Nachbarn und weitere Nachgiebigkeiten gegenüber Terroristen werden der Türkei sonst eine Rechnung bescheren, die sie nicht wird bezahlen können. Von der Rolle als regionale Ordnungsmacht im Nahen Osten hat sich das Land jedenfalls bis auf Weiteres verabschiedet.

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