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Fußball

Kommentar: Noch kein ganz großer Trainer

Nach vier Niederlagen in Serie steckt der FC Bayern in der Krise. Und Trainer Pep Guardiola bleibt den Beweis schuldig, besser zu sein als sein Vorgänger, meint DW-Redakteur Tobias Oelmaier.

Pep Guardiola ist sicher ein überaus erfolgreicher Trainer. Das belegt schon seine Titelsammlung: Dreimal spanischer Meister, zweimal deutscher. Zweimal Pokalsieger mit dem FC Barcelona, einmal mit dem FC Bayern. Zweimal Champions-League-Gewinner mit Barca, Clubweltmeister, zweimal mit Barca, einmal mit Bayern. Und das alles in nur sieben Jahren.

Klar, sein damals revolutionärer Spielstil ließ die Fußballfreunde zunächst mit der Zunge schnalzen, die Gegner vor Ehrfurcht erstarren. Es gab scheinbar kein Mittel gegen den erdrückenden Ballbesitz, gegen das perfektionierte Dreieckspiel von Iniesta, Xavi und Messi. National wie international wurde die Konkurrenz so müde gespielt, bis sich eine Lücke auftat im Abwehrbollwerk. Perfekt vorbereitet und vorausgesehen vom besessenen Tüftler Guardiola.

Die Frage ist nur, ob es bei solchen Topstars, wie sie der FC Barcelona aufgrund seiner finanziellen Möglichkeiten, seines internationalen Renommees und seiner Nachwuchsarbeit unter Vertrag hat, nicht völlig egal ist, mit welcher Taktik sie auflaufen. Aufgrund ihrer spielerischen Überlegenheit setzen sie sich vermutlich auf kurz oder lang ohnehin gegen jeden Gegner durch.

Auch in seinen nun knapp zwei Jahren beim FC Bayern hat Guardiola dem Team seinen Stempel aufgedrückt. Er dominiert die Bundesliga scheinbar nach Belieben. Bis zu 80 Prozent Ballbesitz sind Beleg für die Vormachtstellung. Die Meisterschaft ist schon kurz nach Ostern abgehakt. Und das trotz eines in dieser Spielzeit unglaublich hohen Krankenstandes seiner sportlichen Mitarbeiter.

Schweres Erbe für den Spanier

Und doch ist der Spanier bislang den Beweis seiner Klasse schuldig geblieben: Er hatte eine Mannschaft übernommen, die unter einem damals 67-jährigen Trainer-Auslaufmodell das Triple gewonnen hatte. Das Publikum war betört von Angriffsfußball und furiosen Ballstaffetten. Das Kollektiv aus begeisterten und begeisterungsfähigen Profis zog selbst Bayern-Skeptiker auf seine Seite.

Oelmaier Tobias Kommentarbild App

DW-Redakteur Tobias Oelmaier

Und seitdem: gähnende Langeweile unter den Zuschauern ob des unemotionalen Spiels. Unzufriedenheit bei den Spielern ob der ständigen Rotation. Unsicherheit ob der inflationären Taktikwechsel. Irritation ob der Trennung von "Doc" Müller-Wohlfahrt. Statt des erhofften Triples wird es in diesem Sommer vermutlich "nur" die nationale Meisterschaft zu feiern geben - wenn überhaupt jemandem in München zum Feiern zu Mute ist. Denn zu schwer wiegt das Halbfinal-Aus im Pokal gegen Erzrivale Dortmund, zu schwer wiegt die neuerliche Demontage durch einen spanischen Club im Halbfinale der Champions League. Letzte Saison ein 0:4 zu Hause gegen Real Madrid, zuletzt dieses 0:3 in Barcelona.

Klar, Guardiola hat Personalprobleme. Die Verletzungen von Robben, Ribery, Badstuber, Alaba gerade in der entscheidenden Saisonphase sind eine große Bürde. Aber ständig darüber zu lamentieren, dass die restlichen 15, 16 Spieler auf dem Zahnfleisch daherliefen, bringt niemanden weiter. Im Gegenteil: Das liefert den Spielern Entschuldigungen.

Als unklug erweist es sich auch, in für den Trainer uninteressanten Bundesligapartien überforderte Nachwuchskräfte aus der zweiten Mannschaft einzusetzen. Immer mit dem Hinweis, die Stars schonen zu wollen. Nicht zu unrecht beschwert sich die Konkurrenz, die Bayern verzerrten so den Wettbewerb mit Niederlagen wie jetzt gegen Augsburg und zuvor in Leverkusen.

Beim FC Barcelona, bei Guardiolas Ex-Verein, spielen sich Messi, Neymar und Sanchez derweil am Wochenende vor den Champions-League-Einsätzen in einen Rausch, behalten ihren Rhythmus, beeindrucken die Konkurrenz.

Fehlen die "Soft Skills"?

Schon in der vorigen Saison hatte Pep Guardiola als Psychologe versagt. Damals hatte er nach der vorzeitig errungenen Meisterschaft die Parole ausgegeben, die Meisterschaft sei vorbei, alle Konzentration gelte nun der Champions League. Schlüsselspieler, obwohl damals gesund, wurden geschont. Heraus kam ein Spannungsabfall, das Aus gegen Real Madrid.

Und jetzt wieder: Das Abhaken des nationalen Wettbewerbs, dazu die offensichtliche Demontage einer für die Stimmung im Team so wichtigen Figur wie Bastian Schweinsteiger, der Guardiola gern in wichtigen Partien seinen Landsmann Alonso vorzieht. Offenbar fehlt hier oft das Händchen, das Gespür für die Mannschaft.

Mit internationalen Topstars wie in Barcelona kann jeder Trainer die Champions League gewinnen. Mit einem Bundesliga-Club wie dem FC Bayern nur ein solcher, der neben taktischem Fachwissen auch Fährigkeiten mitbringt, die sich nicht auf dem Tablet-Computer oder der Taktik-Tafel aufzeichnen lassen: Fähigkeiten, die ein Jürgen Klopp in Dortmund oder ein Jupp Heynckes als Guardiolas Vorgänger in München mitbrachten. Gespür, Einfühlungsvermögen, der Blick für das Große und Ganze. Pep Guardiola muss erst noch beweisen, dass er ein großartiger Trainer ist!

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