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Deutschland

Kommentar: Niedrige Geburtenraten sind kein unausweichliches Schicksal

Deutsche Frauen kriegen weltweit am wenigsten Kinder. Für eine stabile Bevölkerung müsste jede Frau 2,1 statt 1,36 Kinder gebären. Doch niedrige Geburtenraten sind kein unausweichliches Schicksal, meint Rolf Wenkel.

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In Deutschland die Ausnahme: Eltern mit Fünflingen

Rolf Wenkel

Rolf Wenkel

Es ist merkwürdig: Wir haben präzise Messinstrumente, die ein Stück Würfelzucker im Bodensee nachweisen können. Wir haben Supercomputer, die uns ausrechnen, wie die Erde in ein paar Jahrzehnten aussehen wird, wenn wir nichts gegen den Ausstoß von Treibhausgaben tun. Aber was sich in den letzten 30, 40 Jahren auf unseren Entbindungs-Stationen abgespielt hat - oder eben nicht abgespielt hat - davon will niemand etwas gewusst haben, diese Erkenntnis soll ganz plötzlich über uns hereingebrochen sein? Das ist Unfug.

Entwicklung seit langem bekannt

Deutschland regt sich auf über die niedrigsten Geburtenraten seit dem Zweiten Weltkrieg. Statistiker und Politiker wissen das seit langem. Doch auf die ersten hört niemand, und letztere denken in Legislaturperioden, nicht in Generationen. Demografische Entwicklungen kann man mit einem Gletscher vergleichen. Oder einer Wanderdüne. Man sieht keine Bewegung. Und doch bewegen sie sich. Man kann davor sitzen und nichts tun. Aber wenn man 30 Jahre davor sitzt, bekommt man kalte Füße - oder es geht einem die Luft aus.

Der Alarm ist da, jetzt beginnt die Suche nach den Schuldigen. Ist es die 68er-Generation, die Hippiebewegung, die mit der Anti-Baby-Pille dem Genuss ohne Reue frönte und die bürgerliche Ehe zum präfaschistischen Auslaufmodell erklärte? Auch das ist Unfug. Denn auch die haben geheiratet und Kinder bekommen - nur zu wenige. Und die fehlen heute als Eltern. Die Ehe ist kein Auslaufmodell, sie ist auch bei Jugendlichen nach wie vor der erstrebenswerteste Lebensentwurf, genauso wie der Wunsch nach Kindern ungebrochen hoch ist. Doch zwischen dem Wunsch und seiner Realisierung klaffen Lücken - und hier findet man auch die Ursachen.

Auf der Suche nach Vorbildern

Dabei hilft ein Blick nach nebenan. Einmal im Osten: Hohe Arbeitslosigkeit und trostlose berufliche Perspektiven halten junge Menschen davon ab, in unsicheren Zeiten eine Familie zu gründen. Ostdeutschland und unsere östlichen europäischen Nachbarn haben allesamt niedrige Geburtenraten. Eine erfolgreiche Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik würde das Vertrauen in die Zukunft stärken, wäre also schon mal ein Anfang zur Trendwende.

Dann der Blick nach Westen und nach Norden, nach Frankreich, Schweden oder Dänemark. Dort gibt es Kinderbetreuung, die ihren Namen verdient und Eltern nicht arm werden lässt. Dort gibt es Ganztagsschulen, dort können Eltern ihrem Beruf nachgehen, ohne ein schlechtes Gewissen gegenüber ihren Kindern zu haben. Dort gibt es kürzere Ausbildungszeiten und einen früheren Berufseinstieg, der das Zeitfenster für den Kinderwunsch und die Familienplanung vergrößert. Dort gibt der Staat genauso viel Geld für die Familie aus wie bei uns. Nur macht er das gezielt, in der Gründungsphase der Familie. Nicht wie bei uns: mit der Gießkanne Almosen verteilen, die einem beim Bezahlen des Kindergartenplatzes sofort wieder abgenommen werden.

Gletscher bewegen sich langsam

Auf den Gletscher gucken hilft nicht, auf unsere Nachbarn im Norden und im Westen gucken schon. Dort sind die Geburtenraten signifikant höher als bei uns. Wir müssen nur genau hinsehen - und bereit sein, mal von unseren Nachbarn zu lernen. Doch selbst wenn wir das sofort täten, würden sich die Ergebnisse erst in zehn, 20, 30 Jahren zeigen. So ist das eben mit Gletschern oder Wanderdünen. Sie bewegen sich langsam. Aber aufhalten kann man sie nicht.