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Kommentare

Kommentar: Niedergang einer Institution

Die Aktie auf Rekordtief und ein Risiko für das Weltfinanzsystem: Die einst so stolze Deutsche Bank verkommt zum Lotterladen. Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer, meint Henrik Böhme.

Die Deutsche Bank ist endlich wieder top: Bloß leider auf der falschen Liste. Sie ist das Geldinstitut, von dem derzeit die größte Gefahr für das Weltfinanzsystem ausgeht. So steht es im aktuellen Bericht zur Finanzstabilität, herausgegeben vom Internationalen Währungsfonds. Das verwundert nicht, schaut man sich den derzeitigen Sorgen-Katalog der Bank an: Baustellen so weit das Auge reicht, der Aktienkurs am Boden, an der Börse nur noch 17 Milliarden Euro wert - das reicht nicht mal mehr für die Top 100 im Bankenindex der Finanzagentur Bloomberg.

Aber, und das macht die Deutsche Bank zum Problemfall für das Weltfinanzsystem: In den Büchern hat sie rund 1,7 Billionen Euro an Werten stehen. Das ist mehr als die Hälfte der deutschen Wirtschaftsleistung. Man möchte sich nicht ausmalen, wie es wäre, wenn diese Bank zusammenbräche und was sie dann alles mit sich in den Abgrund risse.

Niemand weiß, was noch alles kommt

Nun wird Deutschlands noch immer größtes Geldhaus seit ziemlich genau einem Jahr von John Cryan geführt. Er folgte Anshu Jain nach, dem einstigen Kronprinzen von Josef Ackermann. Jain war es, der Ackermanns Traum von der 25-Prozent-Rendite wahrmachen sollte. Jain tat, wie ihm geheißen. Die Bank ächzt unter den Folgen bis heute: 7800 Prozesse, die weltweit zu führen sind. Die allermeisten locker beherrschbar, einige für Milliarden und Abermilliarden beigelegt. Doch einige haben noch jede Menge Sprengkraft, welche die Bank ihre Existenz kosten könnte. Die Geldwäsche-Vorwürfe in Russland beispielsweise. Oder Ermittlungen der US-Börsenaufsicht wegen seltsamer Vorgänge im Handel mit Wertpapieren, die mit Hypotheken besichert waren. Alles nicht wirklich gut.

Boehme Henrik Kommentarbild App

Henrik Böhme, DW-Wirtschaftsredaktion

John Cryan müht sich redlich. Er gibt abwechselnd mal den Aufräumer, mal den Architekten. Er hat die Führungsetage fast komplett ausgetauscht. Er kehrt die Altlasten mit eisernem Besen aus der Bilanz und nimmt mal eben einen Rekordverlust von weit über sechs Milliarden Euro in Kauf. Aber Erfolg will sich nicht wirklich einstellen. Der Aktienkurs hat sich in diesem einem Jahr nochmal halbiert. Die Stimmung unter den Mitarbeitern ist komplett im Keller. Und dann versagt Anfang Juni auch noch die Software: Auf drei Millionen Konten wurden Doppelbuchungen verzeichnet, Geldautomaten gaben kein Bargeld mehr aus, Einkaufen mit der EC-Karte funktionierte nicht mehr. Und was macht die Bank: Spricht von einem "Darstellungsproblem".

Und wenn Du denkst, es geht nichts mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her

Man sieht also: Es geht immer noch schlimmer. Da kann John Cryan noch so oft betonen, er sehe die Bank nicht als Übernahmekandidat. Sicher würden da die Aufsichtsbehörden sehr genau und eher dreimal hinschauen. Vor allem aber: Auch wenn der eine oder andere Konkurrent aus den USA oder China sich die Deutsche Bankaus der Portokasse leisten könnte: Niemand will sich diesen Laden in seinem derzeitigen Zustand antun. Das ist derzeit die einzige Versicherung gegen eine Übernahme.

Und doch ist da ein klitzekleiner Hoffnungsschimmer: Wenn der Brexit erst einmal vollzogen ist, braucht Europa ein neues Finanzzentrum. Das könnte durchaus Frankfurt am Main sein. Die Deutsche Bank, stark in London und Frankfurt, könnte dann ein Nutznießer sein. Es braucht bis dahin allerdings drei Dinge: Geld, Geduld und Glück.

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