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Kommentar: Netzpolitik jenseits der Realität

Die neuen EU-Datenschutzvorschriften heben das Mindestalter für die Nutzung Sozialer Medien auf 16 Jahre an. Das geht an der Lebenswirklichkeit junger Menschen völlig vorbei, meint Kristin Zeier.

Der Blick auf die neuen EU-Datenschutzvorschriften legt nahe: Die dafür verantwortlichen Politiker haben offensichtlich wenig Kontakt zu jungen Menschen. Sie dürften daher nur bedingt verstehen, welche Bedeutung Soziale Medien in deren Leben haben. Denn sonst hätten sie erkannt, wie lächerlich ihre Pläne sind.

Eltern von Teenagern wissen, dass man diese zwar eine Zeitlang vom Internet fernhalten kann. Aber irgendwann bekommen sie Zugang zum Netz. Als meine Tochter zehn Jahre alt war, bekam sie ihr erstes Handy. Mit elf dann ein Smartphone. Bald darauf war sie auf WhatsApp und bei YouTube. Dann entdeckte sie Instagram, und nun, mit 13, bittet sie um Zugang zu snapchat und denkt darüber nach, wo sie sonst noch online sein sollte.

Die neue Norm: mit zehn Jahren online

Die digitale Laufbahn meiner Tochter spiegelt die Erfahrungen von Eltern quer durch Europa. Eine im vergangenen Jahr von der britischen Organisation KnowTheNet.org veröffentlichte Studie zeigt, dass 59 Prozent aller Kinder, denen ein Internetanschluss zur Verfügung steht, bereits im Alter von zehn Social-Media-Angebote nutzen.

Kristin Zeier auf dem Global Media Forum 2014

Kristin Zeier leitet die Social Media-Redaktion der DW

Längst nicht alle jungen Menschen nutzen Social Media mit Zustimmung ihrer Eltern - ungeachtet der gesetzlichen Vorgaben. Die sehen nämlich vor, dass Anbieter digitaler Inhalte das Ja eines Erziehungsberechtigten benötigen, wenn die Kinder jünger als 13 Jahre alt sind. Bei Sozialen Medien ein Konto einzurichten, ist allerdings ein simpler Vorgang - in der Regel braucht es dafür nur einige Klicks. Auch eine amtliche Identifikation wird normalerweise nicht gefordert. Es ist darum kaum verwunderlich, dass eine Umfrage unter 16 Jahre alten oder jüngeren Facebook-Nutzern - der bis heute beliebtesten Website unter jungen Menschen - ergab, dass mehr als die Hälfte bei der Frage nach dem Alter falsche Angaben machten.

Altersgrenzen sind unrealistisch

Wenn EU-Politiker nun Regeln einführen, die das Mindestalter für die Nutzung Sozialer Medien von 13 auf 16 Jahre erhöhen, zeigt das vor allem, wie wenig Kontakt sie zur Lebenswirklichkeit junger Menschen haben. Doch nicht nur das: Es ist generell völlig unrealistisch, solche Einschränkungen überhaupt zu fordern. Wollte man das ernsthaft durchsetzen, müsste man Social-Media-Unternehmen dazu verpflichten, von jedem einzelnen Nutzer noch mehr persönliche Daten zu erheben und aufzubewahren - ein Schritt, den Datenschützer zu Recht kritisieren.

Mindestens ebenso enttäuschend ist allerdings der Umstand, dass die neuen Vorgaben zwar Eltern und Unternehmen in die Pflicht nehmen, nicht aber die Probleme aufgreifen, vor denen junge Menschen stehen, wenn sie online gehen - ob nun mit oder ohne Erlaubnis der Eltern.

Die wirklichen Probleme

Verletzungen der Privatsphäre, Cyber-Mobbing, Cyber-Stalking und Pornografie - das sind die Themen, denen sich junge Menschen und deren Eltern im Netz ausgesetzt sehen. Diese verschwinden auch nicht, wenn das gesetzliche Mindestalter für Social Media auf 16 Jahre angehoben wird. Eine kürzlich vom "Pew Research Center" erhobene Studie zeigt, dass sich ein Drittel der Eltern Sorgen wegen der Inhalte macht, denen ihre Kinder in der digitalen Welt begegnen. Außerdem haben sie das Gefühl, schlecht gewappnet zu sein, um diese Herausforderungen anzunehmen.

Politiker in Brüssel sollten Eltern und ihren Kindern häufiger zuhören: Was wir brauchen, ist Hilfe bei der Entwicklung der Medienkompetenz junger Menschen; es braucht mehr Aufklärung über sicheres Surfen im Netz; und es braucht mehr Beratung für Eltern und Lehrer in der Frage, wie sie den Einstieg junger Menschen ins Internet von einem frühen Alter an begleiten können. Je früher Kinder sich mit dem Internet und den Sozialen Medien vertraut machen, desto eher werden sie auch Routine darin entwickeln, sich selbst und andere zu schützen.

Erziehen, nicht regulieren

Soziale Medien sind eine tägliche Realität und werden es bleiben. Sie sind ein integraler Bestandteil unseres Lebens und des Lebens unserer Kinder. Sehen wir darum zu, dass Medien-Plattformen und junge Nutzer nicht mit lächerlichen juristischen Vorgaben belastet werden, die sie oder ihre Eltern dazu zwingen, zu lügen. Oder die ihnen den Zugang zu Bildungs- und sozialen Chancen verweigern, die eigentlich selbstverständlich sind. Stattdessen sollten wir uns darauf konzentrieren, ihnen die Fähigkeiten zu vermitteln, um das Beste aus ihren Erfahrungen zu machen. Eine solche Politik könnten Eltern und Jugendliche in gleicher Weise "liken".

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