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Standpunkt

Kommentar: Nawalny überreizt das Spiel

Die Verhaftung von Alexey Nawalny könnte das Ende der Protestbewegung in Russland bedeuten. Und daran wäre der Oppositionspolitiker mitschuldig, meint Juri Rescheto.

Ein junger Mann im südrussischen Noworossijsk wird krankenhausreif verprügelt, als er gerade eine Protest-Kundgebung im Rathaus anmelden möchte. Der Mann ist ein Nawalny-Fan.

Ein anderer junger Mann im sibirischen Irkutst wird lebensgefährlich misshandelt. Seine "Schuld” besteht darin, Sohn eines Unternehmers zu sein, der für Nawalnys Wahlstab einen Raum vermietet.

Tausende Studenten in ganz Russland kriegen Drohbriefe der Behörden. Sie werden davor gewarnt, sich Protesten anzuschließen, die Nawalny organisiert. Das Argument der Behörden: Nawalnys Proteste seien eine Provokation.

Und schließlich das: Ein zehnjähriger Junge rezitiert Shakespeare am Arbat im Zentrum von Moskau. Die Polizisten werden nervös. Sie fürchten das öffentliche Aufsehen und zerren den kleinen Hamlet-Darsteller aufs Revier. Ob der Junge ein Nawalny-Fan ist oder je vom Politiker etwas gehört hat, wird nicht überliefert. Das ganze Land diskutiert tagelang darüber.

Wer kämpfen will, muss vorsichtig sein

Diese Beispiele zeigen, wie nervös russische Behörden sind. Und sie werden immer nervöser, je näher die Präsidentschaftswahl in Russland heran rückt. Absurde Gesetze werden verabschiedet, um Menschen für fragwürdige Posts ins Gefängnis stecken zu können. Absurd aus der Sicht der Menschenrechtler. Fragwürdig aus der Sicht der Behörden.

Rescheto Juri Kommentarbild App

Juri Rescheto leitet das DW-Studio in Moskau

Wer weiter kämpfen will, muss vorsichtig sein. Sonst ist der Kampf schnell aus. Wer in Russland lebt, weiß das. Alexey Nawalny lebt in Russland. Trotzdem geht er das Risiko ein.

Er könnte verlieren. Früher als es ihm lieb sein kann.

Die jüngsten Proteste in Moskau waren mit den Behörden abgesprochen. Die Genehmigung durch die Stadt grenzt an ein Wunder. Schließlich sollte die Demo am wichtigsten Staatsfeiertag stattfinden – dem Tag Russlands. Der genehmigte Ort ist zwar nicht der Rote Platz, aber ein bekannter Kundgebungsort mitten in Moskau: der Sacharow-Prospekt.

Eine völlig unnötige Provokation

Am späten Vorabend ruft Nawalny völlig überraschend seine Anhänger auf, sich doch woanders zu treffen. Dort, wo die Staatsfeierlichkeiten zum Tag Russlands abgehalten werden sollen, auf der Twerskaya-Straße. Mitten im "feindlichen” Lager, wenn man so will. Für die Behörden ist das eine klare Provokation. Nawalny wird deutlich gewarnt, er bleibt aber dabei… und landet hinter Gittern.

Mit ihm werden mehr als siebenhundert andere Russen verhaftet, die seinem Ruf folgen. Junge Menschen. Studenten. Schüler. Viele von ihnen werden bald wieder frei kommen. Aber längst nicht alle. Eine völlig übertriebene Härte der Behörden. Aber auch eine völlig unnötige Provokation des Oppositionspolitikers Alexey Nawalny. An einem ganz speziellen Tag. Und an einem ganz speziellen Ort.

Das Resultat: Die Protestbewegung, die Nawalny selbst initiierte und die immer erfolgreicher schien, könnte bald vorbei sein. Weil ihr charismatischer Anführer schlicht unerreichbar ist. Dann wird es nichts mit dem zarten Pflänzchen der Demokratie in Russland. Dann ist das Spiel ganz aus.

Und das wäre richtig traurig.

 

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