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Europa

Kommentar: Nach 100 Jahren endlich einen Anfang machen!

Das erste Treffen zwischen den Regierungschefs Albaniens und Serbiens, Edi Rama und Aleksandar Vucic, endete mit einem Eklat. Dragoslav Dedovic gibt einen Rat, über was beim nächsten Mal gesprochen werden sollte.

Serbien Premierminister Edi Rama Aleksandar Vucic Albanien Belgrad

Albaniens Premier Edi Rama (links) zu Besuch beim serbischen Ministerpräsidenten Aleksandar Vucic

Es ist das erste Mal in der Geschichte des Balkans, dass sich demokratisch gewählte Regierungschefs Serbiens und Albaniens getroffen haben. Die Medien beider Länder werfen mit dem abgedroschenen Ausdruck "historisch" um sich, um das Unbehagen ihrer jeweils überwiegend nationalistischen Wählerschaft abzumildern. Dabei ist "historisch" allenfalls der späte Zeitpunkt dieses Treffens. Klar: besser spät als nie. Doch faktisch kam das das Treffen 100 Jahre zu spät!

Belgrad und Tirana liegen beide nur zwei Flugstunden von Berlin und Brüssel, aber sind Lichtjahre voneinander entfernt. Ein Gast genießt auf dem Balkan immer besondere Wertschätzung - selbst wenn er der gefühlte Feind ist. Doch was kann ein solches Treffen liefern, außer politischen Macho-Ritualen und pathetischem Händeschütteln? Konkrete Ergebnisse jedenfalls nicht. Denn dafür müsste man die bestehenden Probleme zunächst einmal offen ansprechen.

Der Eklat von Belgrad

Nicht einmal das ist beim ersten Treffen in Belgrad gelungen. In der Anwesenheit seines Gastes bezeichnete der serbische Ministerpräsident die Erwähnung der Unabhängigkeit des Kosovo als "Provokation", die er von Edi Rama nicht erwartet hätte. Natürlich hätte der serbische Ministerpräsident viel lieber allein über Wirtschaft, künftige Jugendbegegnungen und die anderen Schönwetterthemen mit seinem albanischen Kollegen diskutiert. Das blieb ein frommer Wunsch: Sein Gast wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, auf serbischem Boden als Anwalt des unabhängigen Kosovo zu agieren.

So bleibt die ehemalige serbische Provinz Zankapfel zwischen Tirana und Belgrad. Das Kosovo selbst muss sich ziemlich sexy vorkommen - dabei ist das Objekt der Begierde das ärmste der armen Länder Europas!

Zwar wird offiziell in Belgrad und in Tirana die Unantastbarkeit der Grenzen und deren ohnehin geringe Bedeutung in einem vereinten Europa verlautbart. Doch selbst diese offizielle These birgt politischen Sprengstoff: Serbien meint die Grenzen Serbiens inklusive Kosovo. Albanien dagegen meint die Grenzen des zweiten albanischen Staates auf dem Balkan - des unabhängigen Kosovo.

Und die meisten Bürger, die diese Politiker wählten, sind noch ein wenig ehrlicher: An den Stammtischen in Belgrad, Prishtina und Tirana wird nämlich offen darüber diskutiert, wo wohl die Grenze zwischen Großalbanien und Großserbien, verlaufen müsste.

Die sichtbare und die unsichtbare Agenda

Es hat sich also nach einer sehr langen Funkstille zwischen beiden Balkanstaaten eine sichtbare und eine unsichtbare Agenda entwickelt: Sichtbar ist eine durch den Geldsegen der Europäischen Union konditionierte Rationalität der politischen Kaste in Belgrad und Tirana. Denn beide Länder möchten in die EU. Unsichtbar, aber real bleibt eine Sehnsucht vieler Albaner und Serben nach der nationalen Vereinigung in jeweils einem Staat.

Dragoslav Dedovic

Dragoslav Dedovic, Leiter DW-Serbisch

Es gibt aber auch ein paar Unterschiede: Serbien musste seine großserbischen Ambitionen unter internationalen Druck im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts aufgeben. Der einzige Staat, in dem fast alle Serben lebten, hieß Jugoslawien. Wenn die großserbischen Träume gelegentlich wiederbelebt werden, dann sind sie entweder folgenlose populistische Entgleisungen oder die postmortalen Zuckungen einer vergangenen Radikalität. Serbien hat heute weder politisch noch wirtschaftlich Spielraum zum Träumen.

Dagegen ist die Position Albaniens delikater: Die Vereinigungsphantasien der Albaner im Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Griechenland sind - mit wenigen Ausnahmen - in keinem der Programme albanischer Parteien verankert. Und doch sind die Sehnsüchte in den Herzen und in Köpfen vieler Menschen latent vorhanden. Das ist auch der Grund für den gelegentlichen Populismus albanischer Politiker, aber sicherlich keine Grundlage für eine realistische Politik.

Die Zukunft heißt Europäische Union

Den Kosovo-Albanern wird im Westen oft ein genereller Opferstatus zuerkannt. Nicht zuletzt deshalb wurde das Kosovo 2008 sofort durch Washington, Berlin, Paris und London als unabhängiger Staat anerkannt. Doch daraus sollte man in Prishtina oder Tirana nicht die falsche Schlussfolgerung ziehen, dass eine erneute Grenzkorrektur zugunsten einer "albanischen Einheit" möglich wäre.

Dar einzige gemeinsame Rechtsraum, in dem alle Serben und alle Albaner friedlich leben können, ist die EU. Das ist die Chance für beide Völker und für die verschiedenen Staaten, in denen sie leben. Nur: Falls die Anziehungskraft der EU nachlässt, werden die nationalen Sehnsüchte früher oder später wieder die Oberhand gewinnen.

Mit dem ethnischen Nationalismus ist es oft so wie mit der Religion: Wo zwei Absolutheitsansprüche aufeinanderprallen und sich im Recht sehen, kann es keinen Dialog geben. Bei ihren nächsten Treffen sollten die beiden Ministerpräsidenten dringend daran arbeiten, die 100 Jahre Rückstand in den nachbarschaftlichen Beziehungen ein wenig zu reduzieren: Ein Freundschaftsabkommen zwischen Belgrad und Tirana mit dem Bekenntnis zur friedlichen Lösung aller Streitfragen und zur gegenseitigen Unterstützung auf dem Weg in die EU wäre der richtige Anfang!

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