Kommentar: Mythos von gestern | Kommentare | DW | 01.04.2015
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Kommentare

Kommentar: Mythos von gestern

Den 200. Geburtstag des Reichsgründers Otto von Bismarck feiern die Deutschen nicht. Der einst verehrte und verklärte Politiker scheint heute weit weg. Erinnerung an einen schwierigen Staatsmann von Christian F. Trippe.

Allen seinen Biographen ist das Vielschichtige seiner Persönlichkeit aufgefallen. Alle betonen das Widersprüchliche, das sich durch Charakter, Taten und Texte des Mannes zieht, der als "Eiserner Kanzler" schon zu Lebzeiten zum Mythos der Deutschen wurde. In seiner Brust wohnten nicht nur zwei Seelen, sondern da ginge es zu wie in einer Republik, hat er einmal gesagt. Ein Mann mit (zu) vielen Eigenschaften, mit überbordender politischer Energie, der schon zu Lebzeiten polarisierte wie wenige vor und nach ihm.

Das politische Ziel, die zersplitterten deutschen Territorien unter Führung des Hauses Hohenzollern zu einigen, beschrieb er in der Sprache der Gutsbesitzer: „Setzen wir Deutschland in den Sattel. Reiten wird es schon können.“ Es konnte nicht. Das Reich, das er schuf, überdauerte seinen Tod nur um 20 Jahre; in einer faschistisch entstellten Variante kam es noch einmal zurück. 1945 war Schluss - mit dem Reich und mit Preußen, mit dem Reichsgedanken und mit dem Obrigkeitsstaat.

Als Denkmal präsent bis heute

Denkmäler und nach ihm benannte Türme aber blieben stehen bis heute, tausende Straßen, Plätze und Alleen in Deutschland tragen weiterhin seinen Namen. Der Kult, der schon zu Lebzeiten begann, verblasste erst mit der Niederlage im Zweiten Weltkrieg; mit der Wiedervereinigung aber wurde er nicht wieder belebt. Es ist still geworden um das 19. Jahrhundert, dessen zweite Hälfte er so sehr geprägt hatte.

01.2012 DW Europa aktuell Moderator Christian Trippe

DW-Redakteur Christian F. Trippe

Das 1871 von ihm gegründete Deutsche Reich hielt er für saturiert, auch ohne Kolonien in Übersee. Und so entdecken ihn dieser Tage ausgerechnet die deutschen Sozialdemokraten ein wenig neu - den maßvollen und ausgleichenden Außenpolitiker, den "ehrlichen Makler", dem das Verhältnis zu Russland immer besonders wichtig war. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, war er es doch, der als unerbittlicher Sozialistenfresser die SPD von Staats wegen unterdrückte. "Reichsfeinde" vermutete er in jedem Arbeitersportverein, auch in jedem katholischen Gesellenverein.

Die Katholiken schmähte er als "Ultramontane", deren Loyalität eher beim Papst in Rom, denn beim deutschen Kaiser liege. Und denen er deswegen im "Kulturkampf" zusetzte. Unbestritten, dass mit ihm, der seine Reichstagsreden immer in preußischer Generalsuniform zu halten pflegte, ein Zug der Militanz und Unerbittlichkeit in Deutschlands Innenpolitik kam. Die Folgen dieser innenpolitischen Freund-Feind-Logik waren schlimm.

Ein Meister der geflügelten Worte

Eingängig und manchmal anstößig waren seine Worte, denen oft Flügel wuchsen: "Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts auf der Welt" war so ein Diktum, das er übrigens auf dem Altenteil im Sachsenwald bereute, als er sah, welches Eigenleben die nassforsche Sentenz unter dem geltungssüchtigen Kaiser Wilhelm II. entwickelt hatte. Zumal sein frommer Nachsatz es nicht in den öffentlichen Gebrauch geschafft hatte: "Und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen lässt."

Die SPD suchte er mit seinen Sozialgesetzen politisch überflüssig zu machen - und schuf die verpflichtende Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung. Im Grunde sind sie bis heute unverändert geblieben; geboren aus der Frontstellung gegen den politischen Feind auf der Linken und um die ungeliebten Liberalen zu düpieren. Mit ihm, dem Urpreußen und Erzkonservativen, schlug die hohe Stunde des politischen Konservatismus in Deutschland.

Kein Vorbild mehr, nur noch Folklore

An seinem 200. Geburtstag leben die Deutschen gut mit und in dem Sozialstaat, den er aus politischer Verlegenheit geschaffen hat. Doch keine Partei in der Bundesrepublik hat sein Erbe angetreten, nicht einmal eine namhafte politische Strömung oder Vereinigung beruft sich auf ihn. Als Vorbild taugt er nicht mehr, denn sein Leitbild, der klassische National- und Machtstaat, hat sich überholt.

Den Deutschen ist er bestenfalls noch Bestandteil historischer Folklore. Sie kommen gut über die Runden, auch wenn sie - so wie dieser Text - seinen Namen gar nicht erwähnen.