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Kommentare

Kommentar: Muslime als Täter und Opfer

Hat der Islam ein Gewaltproblem? Diese Frage wird derzeit besonders in Europa leidenschaftlich diskutiert. Eine Studie legt jetzt allerdings das Gegenteil nahe. Rainer Sollich kommentiert.

Haddsch Pilgerfahrt

Die Kaaba, das größte Heiligtum des Islam im Innenhof der Großen Moschee in Mekka

Nachvollziehbar ist die Frage nach einem Zusammenhang zwischen Islam und Gewalt durchaus: Nicht nur, dass auffällig viele islamisch geprägte Länder unter Kriegen, Terror und anderen Formen der Gewalt leiden - die arabische Welt als historisches Kernland des Islam ist hiervon am stärksten betroffen. Auch brutale Terroranschläge in europäischen Metropolen wie Brüssel und Paris werden vorgeblich "im Namen des Islam" verübt. Wobei frustrierte Jugendliche ohne Entwicklungsperspektive unter Experten als besonders anfällig für das radikale Gedankengut des "Islamischen Staates" (IS) und ähnlicher Gruppen gelten.

Umso bemerkenswerter erscheinen die Ergebnisse einer Umfrage unter 3500 jungen Arabern aus 16 Ländern der Region, die von einem US-Institut in Zusammenarbeit mit einer Agentur in Dubai veröffentlicht wurden: 78 Prozent der Befragten gaben an, sie würden den IS selbst dann nicht unterstützen, wenn dieser weniger Gewalt anwenden würde. Mehr als 50 Prozent bezeichneten den IS als größtes Entwicklungshindernis in Nahost und Nordafrika. Ebenfalls mehr als die Hälfte der arabischen Jugendlichen stimmte zudem der Aussage zu, die Religion habe ein "zu starkes Gewicht" in den ihren Ländern. Auch wenn letztlich unklar bleibt, wie repräsentativ diese Aussagen genau sind: Sie sind es wert, wahrgenommen zu werden. Und sie schärfen den Blick dafür, dass bei einem solchen sensiblen Thema niemals vereinfacht werden darf.

Der Islam wird instrumentalisiert

Lernen wir also daraus, dass der Islam kein Gewaltproblem hat? Dies wäre zu einfach gesagt. Leider führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass der Islam heutzutage weit häufiger zur Rechtfertigung von Terror und Gewalt herangezogen wird als jede andere Religion. Und die Täter sind überzeugt davon, gute Muslime zu sein. Der Islam hat also zumindest ein Imageproblem: Er wird besonders oft und leider auch besonders erfolgreich durch Extremisten missbraucht. Dies allein mit der miserablen wirtschaftlichen und sozialen Lage in vielen in arabischen Ländern erklären zu wollen, greift zu kurz.

Sollich Rainer Kommentarbild App

Rainer Sollich leitet die Arabische Online-Redaktion

Um die islamisch geprägten Gesellschaften substanziell von innen heraus zu erneuern, wäre es mehr als wünschenswert, wenn sich dort ein modernes, zur Globalisierung passendes Religionsverständnis entwickeln würde. Dies kann nur aus der islamischen Gemeinschaft selbst heraus entstehen. Islamische Reformdenker haben derzeit jedoch so gut wie keine Chance, sich gegen die herrschenden patriarchalischen Strukturen in vielen dieser Länder wie auch in Teilen der muslimischen Communities in Europa durchzusetzen. Diskurs und Glaubenspraxis werden dort von konservativen Kräften bestimmt. Herausgefordert werden diese Kräfte nicht von Modernisierern, wie dies in der Geschichte des Islam schon mehrfach und teils durchaus erfolgreich der Fall war, sondern von politischen Extremisten. Diese nutzen religiöse Slogans populistisch-geschickt für eigene Machtambitionen und krude Zukunftsvisionen und gebärden sich zu diesem Zweck vermeintlich noch "islamischer" als die jeweiligen Herrscher.

Menschen nicht auf Religion reduzieren

Was Europa aus der Studie jedoch lernen kann: wie wichtig es ist, zu differenzieren. Es gibt nicht "den Islam" oder "die Muslime", wir reden über Menschen. Muslime sind sowohl Täter wie Opfer - und nicht erst seit dem Scheitern des "Arabischen Frühlings" sind sie meist letzteres: Keine Religion hat unter ihren Anhängern mehr Tote durch Kriege und Terroranschläge zu beklagen als der Islam. In kaum einer Weltregion herrschen größere Unterdrückung und brutalere Willkürherrschaft als im historischen Kernland der Muslime.

Aber hat dies wirklich etwas mit Religion zu tun? Wer das glaubt, müsste auch daran glauben, dass Muslime sich besonders gerne politisch unterdrücken lassen oder sich danach sehnen, Opfer von Terroranschlägen werden.

Kein Generalverdacht

Der größte Fehler, den Europa begehen könnte, wäre Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Damit würden wir nicht nur der Propaganda des IS in die Hände spielen, dessen Ideologie darauf abzielt, einen Keil zwischen Muslime und Nicht-Muslime zu treiben. Es wäre auch wenig hilfreich mit Blick auf die Herausforderungen, die der gegenwärtige riesige Zulauf von Migranten für die europäischen Gesellschaften mit sich bringt.

Dass die meisten Flüchtlinge Muslime sind, ist nicht der springende Punkt. Die eigentliche Herausforderung ist, dass viele aus Gesellschaften kommen, in denen Konflikte nicht erst seit gestern mit Gewalt und Unterwerfung gelöst werden. Und Religion - dies gilt beispielsweise genauso für viele arabische Christen - ist in ihren Herkunftsländern oftmals in einem Maße identitätsstiftend, wie dies heute für kaum einen Europäer noch nachvollziehbar ist. Hieraus ergeben sich zwangsläufig Missverständnisse. Dennoch dürfen gerade wir im säkularisierten Europa niemals Menschen allein auf ihre Religion reduzieren.

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