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Standpunkt

Kommentar: MoneyGram oder Entwicklungshilfe?

Für viele Staaten Afrikas sind die Geldtransfers ihrer Bürger aus dem Ausland extrem wichtig. Zum Teil sogar wertvoller als Entwicklungshilfe. Klug kombiniert braucht es weiterhin beides, meint Ludger Schadomsky.

Schulgebühren, Hochzeiten und Beerdigungen, ein wetterfestes Haus für die betagten Eltern, Zuckerfest oder die orthodoxe Neujahrsfeier: es gibt unzählige Gründe für Menschen in der Diaspora, ihren Familienangehörigen daheim Geld zu schicken. Oft muss es schnell gehen - dann kommen Western Union, MoneyGram & Co. ins Spiel.

Für Länder wie Indien oder Nigeria, die zu den größten Empfängerländern zählen, sind Überweisungen aus dem Ausland die wichtigste Kapitalquelle: 440 Milliarden US-Dollar wurden im Jahr 2016 weltweit transferiert - und das sind nur die offiziell erfassten Gelder. Auf inoffiziellen Wegen - reisende Familienmitglieder oder das in muslimischen Ländern beliebte Hawala -System - wird noch einmal die Hälfte dieser Summe bewegt. Allein die in Deutschland lebenden Afrikaner überweisen geschätzte 1,2 Milliarden Euro jährlich, um ihre Angehörigen und Bekannten in ihren Heimatländern zu unterstützen - das entspricht in Ländern wie Gambia, Lesotho oder den Komoren 20 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung.

Mehr Geld der Landsleute im Ausland als Entwicklungshilfe

Der Geldfluss aus der Diaspora in die Heimatländer ist damit dreimal so hoch wie die weltweite staatliche Entwicklungshilfe. Entwicklungsökonomen argumentieren deshalb seit Jahren, dass Zurücküberweisungen der wohltätigen Hilfe des Nordens für die Länder des Südens vorzuziehen sei. Denn wenn das Geld von Privat an Privat geschickt werde, komme es dort an, wo es gebraucht und gezielt verwendet werde. Die Argumentation ist stichhaltig, denn allein die sogenannten "Overheads", also die Verwaltungskosten staatlicher Entwicklungsprojekte, betragen bis zu 70 Prozent und fließen nicht selten in die Geberländer zurück. Experten wissen zudem, dass die Höhe der Geldtransfers von Privat an Privat weniger schwankt als Zahlungen von staatlichen Stellen oder großer Investoren und damit in den Zielländern ein wichtiger Stabilitätsfaktor sind. 2017 werden die Rücküberweisungen weiter steigen - allein in Afrika südlich der Sahara um 3,3 Prozent.

Schadomsky Ludger Kommentarbild App

Luder Schadomsky leitet die Amharische Redaktion

Alles gut also? Nicht ganz. Denn ungeheure Summen mühsam erwirtschafteter Löhne und Minigehälter versickern in den Transfergebühren, die die Geldhäuser aufschlagen. Ein Bürger des südafrikanischen Staates Namibia, der im Nachbarland (!) Angola arbeitet und seine Lieben daheim mit Bargeld versorgen will, bezahlt bei einem Überweisungsbetrag von 100 Euro stolze 27 Euro. In anderen Ländern Afrikas fallen "nur" 21 Euro an. Selbst bei den Marktgrößen Western Union und MoneyGram sind je nach Weltregion zehn Prozent und mehr fällig.

Die G20-Länder und Weltbank wollen diese horrenden Gebühren bis zum Jahr 2030 auf maximal drei Prozent begrenzen. Der Effekt wäre gewaltig: Bei einem Transfervolumen von 440 Milliarden Dollar würden die Arbeitsmigranten 20 Milliarden Dollar sparen.

Entwicklungshilfe und Migration gegeneinander ausspielen?

Wäre es vor diesem Hintergrund nicht sinnvoll, die Entwicklungshilfe gleich ganz abschaffen? Ganz so einfach ist es nicht: Denn Rücküberweisungen werden für Schulgebühren, Hausbau und Krankheitskosten verwendet, nicht aber für den Bau und Unterhalt von Straßen, Schulen und Krankenhäusern. 

Zuletzt ist das Thema Rücküberweisungen immer häufiger im Zusammenhang mit der wachsenden Migration aus Afrika gefallen: Nicht wenige repressive Regierungen exportieren arbeitsfähige junge Männer ins Exil in der Erwartung verlässlicher Geldströme in die Heimat. Das kleine ostafrikanische Eritrea, aus dem die Menschen in Scharen flüchten, ist so ein Land. Ein ebenso zynisches wie volkswirtschaftlich ausgefeiltes Kalkül - zumal Regierungen wie die deutsche noch Anti-Migrations-Prämien oben drauf legen. So profitieren die Schurken gleich doppelt.

Transfergebühren deckeln

Was also ist die Lösung? Länder, die große Migranten-Communities beherbergen, müssen viel entschiedener darauf hinwirken, dass die Transfergebühren gedeckelt werden und die Überweisungsbeträge dort angekommen, wo sie lokale Wirtschaftskreisläufe ankurbeln.

Einen ganz pragmatischen Weg geht fürs Erste das von der Bundesregierung aufgelegte Portal geldtransfair.de. Es vergleicht für den Überweisenden die Tarife Dutzender Institute und Banken. Für den Transfer von Deutschland nach Äthiopien rangieren die Gebühren für einen Überweisungsbetrag von 500 Euro dabei zwischen 1,50 und 57 (!) Euro. Das sind im Zweifelsfall 55,50 Euro mehr für die Verwandten daheim. Entwicklungshilfe leicht gemacht.

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