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Standpunkt

Kommentar: Mohammed bin Salmans Griff nach der Macht

Der saudische Kronprinz hat sich überraschend seiner gefährlichsten Rivalen entledigt. Doch die Palastintrige historischen Ausmaßes in Riad könnte auch eine Chance für die Golfmonarchie sein, meint Bachir Amroune.

König Salman Bin Abdul Aziz Al Saud und Kronprinz Mohammed Bin Salman Al Saud (picture-alliance/abaca/B. Press)

Saudi-Arabiens König Salman bin Abdul Aziz Al Saud neben seinem sein Sohn und Kronprinzen Mohammed bin Salman

Eins muss man ihm lassen: Der Mann hat ein gutes Gespür für Superlative und weiß sich zu vermarkten. Der nur 32-jährige saudische Kronprinz Mohammed bin Salman sorgt immer wieder für Nachrichten, die weltweit wie eine Bombe einschlagen, weil sie einen Bruch mit dem traditionell eher zurückhaltenden Politikstil seines Landes darstellen: angefangen beim Krieg gegen den bitterarmen Jemen, über den 500-Millarden-Dollar-Wirtschaftsdeal mit den USA und die Katar-Blockade, bis hin zur Superzukunftsstadt "Neom" am Roten Meer und der kürzlich angekündigten Abwendung seines Landes von dessen extremistischer Lesart des Islam - was einem Bruch mit der offiziellen Staatsdoktrin gleichkommt.

Und jetzt setzt er noch einen drauf: In einer Nacht- und Nebelaktion ließ er elf einflussreiche Prinzen, vier amtierende Minister, dutzende frühere Minister sowie eine ganze Reihe reiche Geschäftsleute festnehmen und ihre Guthaben einfrieren. Offiziell genannter Grund: der Kampf gegen die Korruption. Geführt werden soll die Untersuchung von einer Kommission, die dafür eigens geschaffen wurde - und zwar nur wenige Stunden zuvor und unter seinem Vorsitz.

Die letzten Hürden zum Thron

Mit rund 10.000 Prinzen ist die saudische Königsfamilie die mit Abstand größte weltweit. Doch nur eine Handvoll dieser Prinzen hat realistische politische Ambitionen. Den wichtigsten unter ihnen hat Mohammes bin Salman nun am Samstagabend kaltgestellt: Mutaab bin Abdallah, ein Sohn des vorigen Königs. Bis zu seiner Verhaftung war er Minister für die Nationalgarde, die die Kerntruppe der saudischen Armee bildet und zu deren Hauptaufgaben der Schutz des Herrscherhauses und die unmittelbare Landesverteidigung gehören. Die Offiziere der Garde, die hauptsächlich nach dem Kriterium ihrer Stammestreue rekrutiert werden, waren ihm persönlich verpflichtet. Bereits im Juli verbreiteten undichte Stellen aus der Königsfamilie via Twitter, Mutaab wehre sich gegen seine bevorstehende Absetzung durch den Kronprinzen.

Amroune Bachir Kommentarbild App

DW-Redakteur Bachir Amroune

Jetzt, wo diese erfolgt ist, drohen Mohammed bin Salman keine direkten Gefahren mehr aus dem Sicherheitsapparat. Bereits Ende Juni konnte er seinen größten Rivalen, Muhammad bin Nayif, den bis dahin amtierenden Kronprinzen und mächtigen Innenminister entmachten und unter Hausarrest setzen. Da er selbst Verteidigungsminister ist, kontrolliert er nun alle Geheimdienste und Sicherheitskräfte des Landes. Damit brach er jedoch mit der seit Jahrzehnten geübten Tradition, diese Ämter auf unterschiedliche Zweige der Familie Al Saud zu verteilen, um ein Machtgleichgewicht zwischen ihnen zu wahren.

Aber auch in den Medien sowie der Wirtschaft muss Mohammed bin Salman keine ernsten Widersacher mehr fürchten. Denn einer der ebenfalls verhafteten Prinzen ist der vermutlich reichste Saudi: Al-Walid bin Tallal, zugleich der in der arabischen Welt einflussreichste Medienmogul. Der Jetset-Playboy äußerte sich in westlichen Medien gerne kritisch und liberal und führte bisher ein alles andere als konservatives Medienimperium.

Machtgierig, aber wenigstens mit einer Vision

In der Bevölkerung wird den Verhafteten kaum jemand eine Träne nachweinen, auch wenn die Maßnahmen sehr selektiv wirken und alles andere als rechtsstaatlich und transparent waren. Im Gegenteil: Mohammed bin Salmans Popularität wird mit diesem Durchgreifen eher zunehmen. Denn zum einen beschweren sich die Bürger immer häufiger über die grassierende Korruption: Mehr als 100 Milliarden Dollar Schaden werden dadurch jährlich angerichtet, was etwa einem Viertel des Staatshaushalts entspricht. Zum anderen sind die Menschen es leid, in einem System zu leben, in dem normale Bürger barbarischen Strafen unterworfen werden, während die Königsfamilie für ihre Verfehlungen kaum belangt wird.

Und auch wenn es stimmt, dass Mohammed bin Salman bisher nicht gerade als demokratischer Reformer aufgefallen ist und dass er die Macht gezielt in seiner Hand konzentriert: Sein Aufstieg bedeutet die Entmachtung derjenigen, die das alte, verkrustete Saudi-Arabien mit geschaffen haben und weiter verteidigen. Bin Salman aber hat angekündigt, dass er Saudi-Arabien radikal umkrempeln will: Er will weg vom extremistischen Islam, weg vom Öl und stattdessen eine moderne Wirtschaft aufbauen und der Jugend, die über 70 Prozent der Bevölkerung ausmacht, mehr Rechte geben. Seiner Vision hat er den schillernden Namen "Saudi Vision 2030" gegeben. Sein Land ist dazu verdammt, diese Vision zu verwirklichen. Denn wenn Saudi-Arabien scheitert, dann wird es sicherlich nicht allein wegen des derzeit jährlichen Staatsdefizits von 200 Milliarden Dollar untergehen.

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