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Kommentare

Kommentar: Mit der AfD streiten!

Gestern gegen die Kirche, heute gegen Fußballer Jérôme Boateng: Die AfD will moralische Autoritäten und gesellschaftliche Vorbilder diskreditieren. Dagegen helfen nur Fakten, meint Gero Schließ.

Die Flüchtlinge, das Fremde und der Islam - mit diesen Begriffen lässt sich in Deutschland zur Zeit ganz wunderbar ein Gebräu aus Ängsten, Vorbehalten und Vorurteilen herstellen. Die Alternative für Deutschland, die AfD, macht es täglich vor, ohne dass bis jetzt ein Gegenmittel gefunden wäre.

Jetzt haben die Rechtpopulisten wieder zugeschlagen. Diesmal ist Fußballprofi Jérôme Boateng das Ziel. AfD-Vize Alexander Gauland sagte der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", Boateng werde zwar als deutscher Nationalspieler geschätzt, das bedeute aber nicht, dass er nicht als fremd empfunden werde. "Sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben", spitzte er dann nochmal zu. Gaulands Ausfall lässt tief in die AfD-Psyche blicken, auch wenn deren Vorsitzende Petry jetzt nach bewährtem Muster schnell eine Entschuldigung an Boateng nachreichte und Gauland erklärte, er habe nur "die Einstellung mancher Menschen beschrieben".

Warum Boateng?

Würden normale politische Maßstäbe gelten, wäre Boateng das denkbar ungeeignetste Ziel für fremdenfeindliche Sticheleien: Er ist in Berlin geboren und aufgewachsen, sein Vater ist Ghanaer, seine Mutter Deutsche. Er ist erfolgreich und hat sich den Weg ins Heiligtum der Deutschen, in die Fußball-Nationalmannschaft erkämpft. Kurzum: Boateng ist der beste Beweis dafür, dass Integration gelingen kann.

Gero Schließ, Hauptstadtkorrespondent der DW (Foto: DW)

Gero Schließ, Hauptstadtkorrespondent der DW

Genau das macht ihn aus Sicht der AfD zum geeigneten Gegenstand, um Zweifel zu säen und Ressentiments zu schüren. Mit ihm soll genau dieses gelungene Beispiel für Integration diskreditiert werden. Es geht um die Fallhöhe, darum, jemanden von möglichst weit oben nach ganz unten zu stoßen. Und mehr noch. Auch der Fußball wird gleich mit attackiert. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Stadien sind nämlich nicht nur die Orte sportlichen Kräftemessens und überschäumender Fan-Emotionen. Hier zeigt sich auch - wie vielleicht nur noch in der Kultur - wie selbstverständlich Menschen aus unterschiedlichsten Kultur- und Lebenswelten zusammenwirken. Und dass Unterschiedlichkeit ein Team nicht schwächt, sondern stärkt.

So viel selbstverständliche Integration ist den Apologeten der Fremdenangst ein Dorn im Auge. Denn sie widerlegt ihre Angstmache. Und dass gerade Sportvereine in den vergangenen Monaten mit tollen Angeboten für Flüchtlinge Furore machten, macht diese bei den Rechtspopulisten möglicherweise nicht gerade beliebt.

Angriff auf die Kirche

Dem gleichen Muster wie den Attacken auf Boateng folgen auch die AfD-Angriffe auf die Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände. Der Vorwurf klingt ungeheuerlich, doch ähnliche Verdächtigungen hat es immer wieder auch gegen internationale Hilfsorganisationen gegeben: Nämlich dass sie unter dem Deckmantel der Hilfsbereitschaft ein Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen betreiben. Caritas und Diakonie, so der konkrete Vorwurf der Rechtspopulisten, seien Branchenführer bei der Flüchtlingsaufnahme und aus kommerziellen Gründen daran interessiert, dass es auch weiterhin viele Schutzsuchende bis nach Deutschland schaffen.

Hier soll die Kirche als moralische Autorität vom Sockel geholt werden. Eine Autorität, die in der Integrationsdebatte dringender denn je gebraucht wird.

Nahrung für Verschwörungstheorien

So durchschaubar das AfD-Manöver erscheint, so ungeschickt ist es, darauf nur mit Schlagworten wie "Unverschämtheit" oder "Gequatsche" zu reagieren. Das riecht nach Diskussionsverweigerung. Und es setzt die unglückliche Linie der Katholischen Kirche fort, die sich auf dem Leipziger Katholikentag einer Auseinandersetzung mit der AfD entziehen wollte, indem sie ihre Funktionäre erst gar nicht einlud.

Das war eine Dummheit und ist nach hinten losgegangen. Nun wird eben doch diskutiert, aber jetzt unter dem hässlichen Vorzeichen, dass sich die AfD und ihre Anhänger in ihrer Verschwörungs- und Verfolgungstheorie bestärkt fühlen dürfen.

Ausgrenzung ist keine Strategie gegenüber den Rechtspopulisten. Und bei der Empörung von Fußballfunktionären darf es nicht bleiben. Denn in beiden Fällen - Boateng wie den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden - greift die AfD Vorbehalte und Ängste auf, die überzogen und politisch unkorrekt sein mögen. Aber sie sind nun mal da und in der Bevölkerung weiter verbreitet als angenommen.

Dialog als Gegenmittel

In der Demokratie gibt es nur ein einziges Gegenmittel, die ein Ausbreiten des Angst- und Empörungsbazillus in die Mitte der Gesellschaft stoppen kann. Das sind Fakten und Argumente, das ist der Diskurs.

Es scheint, als hätten hier die politischen Parteien gegenüber anderen gesellschaftlichen Gruppen bereits etwas gelernt. Die frühere Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger hat es vorgemacht. In der "Süddeutschen Zeitung" unterzog sie das Programm der AfD einem Faktencheck - und ließ es ziemlich vorgestrig aussehen.

Es führt kein Weg daran vorbei: Stellen wir uns der Auseinandersetzung mit dem rechten Zeitgeist! Sonst werden AfD und andere noch länger aus der unappetitlichen Suppe aus Ängsten, Vorbehalten und Vorurteilen schöpfen können.

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