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Standpunkt

Kommentar: #MeToo reicht nicht - Nennt die Namen!

Dass immer mehr Frauen #MeToo posten, zeigt das weltweite Ausmaß sexueller Übergriffe. Ändern wird dies nichts, solange wir nicht den Mut haben, wie im Fall Weinstein die Namen der Täter zu nennen, meint Sarah Hofmann.

USA Schauspielerin Alyssa Milano Protest in New York City (Reuters/C. Allegri)

Die Schauspielerin Alyssa Milano - Initiatorin der Social Media-Kampagne #MeToo

Auch ich habe bei Facebook meinen Status geändert. #MeToo steht dort jetzt. Genauso wie bei etlichen meiner Freundinnen und tausenden Frauen weltweit. Es ist ein Zeichen der Solidarität mit all jenen, die in den vergangenen Wochen öffentlich gemacht haben, dass sie vom Hollywoodproduzenten Harvey Weinstein sexuell belästigt, unter Druck gesetzt, oder gar vergewaltigt worden sind. Es soll jenen Mut machen, die bislang nicht über das Erlebte gesprochen haben - aus Scham und aus Angst vor den Konsequenzen.

Wenn jede Frau, die sexuelle Übergriffe erlebt hat, #MeToo postet, so die Idee, dann zeigt dies das Ausmaß sexueller Gewalt gegen Frauen. In diesem Sinne ist die Social Media-Kampagne erfolgreich. Laut Statistik ist in Deutschland jede dritte Frau von sexualisierter und/oder körperlicher Gewalt betroffen. Schaut man sich in diesen Tagen aber bei Facebook und Twitter um, wird deutlich: Sexuelle Übergriffe, vielleicht auch "nur" verbaler Art hat wohl so gut wie jede Frau schon einmal erlebt.

Wer hat begrabscht, gedroht, vergewaltigt?

Und doch habe ich ein Problem mit dieser Kampagne. Denn sie wird nichts ändern. Solange wir Frauen (nur sehr wenige Männer haben bislang diesen Hashtag gesetzt) nicht den Mut aufbringen, konkret zu werden, können die Täter sich wegducken. #MeToo kann alles bedeuten: von der verbalen sexuellen Belästigung bis hin zur Vergewaltigung. Vom Übergriff in der U-Bahn zur sexuellen Erpressung durch den Chef. Vor allem aber nennt #MeToo keine Namen. Wer hat begrabscht, gedroht, vergewaltigt?

Porträtfoto Sarah Hofmann (Foto: DW)

Sarah Hofmann lebt als freie Journalistin in Tel Aviv.

Vor Jahren schlenderte ich mit einer Kollegin durch die Jerusalemer Altstadt, als ein junger Typ von vielleicht 12, 13 Jahren anbot, uns eine Abkürzung zur berühmten Via Dolorosa zu zeigen. Wir willigten ein, machten unterwegs ein paar Späße, freuten uns, wie gut er Englisch konnte. Bis ich merkte: Wir gingen in die falsche Richtung! Als ich ihn zur Rede stellte, drückte er mich gegen die nächste Hauswand und grapschte mir brutal zwischen die Beine. Das Ganze geschah so schnell, dass meine einzige Reaktion war, ihm die Flasche Wasser ins Gesicht zu schütten, die ich gerade in der Hand hielt. Er rannte weg, am Ende der ansonsten menschenleeren Gasse standen drei junge Männer - offenbar das Ziel unserer "Abkürzung". Also rannten auch wir. 

Ich habe Glück gehabt. Ich bin nicht vergewaltigt worden. Und ich habe bislang auch nie sexuelle Erpressung durch Vorgesetzte erfahren. Und doch: Bis heute sorgen die Gassen der Jerusalemer Altstadt in mir für ein Unbehagen. Sie erinnern mich an die Wut, die ich verspürt habe. Auf den Täter und auf mich. Weil ich so dämlich gewesen war, ihm zu folgen. Bis heute habe ich nur sehr wenigen Menschen von diesem Tag erzählt.

Erzählt eure Geschichten - im Detail!

Ich kann mir vorstellen, was Frauen durchmachen, die nach einem Übergriff auch noch um ihre Karriere fürchten müssen. Um alles, was sie sich beruflich aufgebaut haben. In vielen Teilen dieser Welt auch um den Verlust sozialer Anerkennung, um die "Familienehre". Es ist nur verständlich, dass sie lieber schweigen.

Wenn sie jetzt #MeToo posten, kann dies ein erster Schritt sein, an die Öffentlichkeit zu gehen. Und je mehr Frauen konkret berichten, was ihnen passiert ist, umso besser lässt sich die Scham abschütteln. Nicht ihr seid Schuld, liebe Frauen, die Täter sind es! Also, erzählt eure Geschichten: Auf Twitter, auf Facebook und der Polizei. Berichtet detailliert, was euch widerfahren ist. Und - wenn ihr die Namen der Täter kennt: Nennt sie! Nur dann wird sich etwas ändern.

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