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Kommentar: Mehr Gefühl bitte, Frau Merkel!

Flüchtlingskrise und islamistischer Terror haben Deutschland schwer zugesetzt. Die Gesellschaft polarisiert sich. Was Merkel dagegen zu tun gedenkt, reicht nicht aus, meint Kay-Alexander Scholz.

Für emotionale Reden ist die Kanzlerin nicht bekannt. Insofern war die Ankündigung mancher deutscher Medien, Angela Merkel würde eine "Rede an die Nation" halten, irreführend.

Wie immer bei solchen Anlässen sortierte und analysierte sie hauptsächlich. Außerdem war das Format ein anderes, nämlich ihre alljährliche Sommer-Pressekonferenz in Berlin, die wegen der Bluttaten der letzten Tage entgegen ursprünglicher Pläne vorgezogen wurde.

Dennoch war die Erwartung eine andere als in den Jahren zuvor. Die ersten islamistischen Terroranschläge im eigenen Land haben viele Deutsche verunsichert, Ängste und Fragen aufkommen lassen.

Auch darüber, ob es richtig war, so viele Flüchtlinge ins Land zu lassen, ohne dabei von Anfang an das Steuer in der Hand gehabt zu haben. Nicht nur in den Sozialen Medien ist davon viel zu lesen, auch der Handwerker um die Ecke, der Postbote oder die Menschen auf dem Land reden so. Nicht alle, aber viele. Mal ganz abgesehen von den schärfsten politischen Gegnern von Merkels Politik, der AfD.

Kay-Alexander Scholz, Hauptstadt-Korrespondent der DW (Foto: DW)

Kay-Alexander Scholz, Hauptstadt-Korrespondent der DW

Richtig reicht nicht

Auf diese Gefühlslagen ist Merkel in den 90 Minuten viel zu wenig eingegangen. Es mag richtig sein, dass Politik sich nicht von Angstgefühlen leiten lassen darf, wie sie sagte.

Und dass es vieler einzelner Schritte bedarf, um komplexe Herausforderungen zu meistern. Richtig ist auch, dass schon viel getan wurde, um die Asylpolitik in Deutschland und Europa auf eine neue, tragfähigere Basis zu stellen.

Aber in diesen Zeiten hätte Merkel etwas mehr Herz gut getan - Chance vertan. In ihrer Rede und in ihren Antworten auf die Fragen der Journalisten fehlten die Brücken, die sie hätte bauen müssen, um die wachsende Polarisierung zwischen Befürwortern und Gegnern ihrer Flüchtlingspolitik aufzuhalten.

Vielleicht hätte sie dieses Mal verbal oder tatsächlich mit der Faust auf den Tisch hauen sollen, um zu signalisieren: Es reicht. Das Neun-Punkte-Paket, das sie vorstellte, war blutleer und verfehlte dieses Ziel.

Die AfD frohlockt

Fast am Ende der 90-minütigen Veranstaltung versuchten zwei Journalisten aus den Niederlanden und Polen, Merkel mehr Emotionen zu entlocken. Was würde Merkel antworten, fragten sie, bekäme sie auf der Straße die Frage gestellt, ob ihre Willkommenskultur Schuld an dem Terror in Würzburg sei.

Merkel antwortete, dass die Verweigerung der humanitären Verantwortung sehr schlechte Folgen für Deutschland gehabt hätte. Warum sie nicht nach Würzburg oder Ansbach gefahren sei, lautete die andere Frage.

Die Kanzlerin antwortete, sie entscheide das immer von Fall zu Fall. Sie habe sich stattdessen für den Trauerakt am Wochenende in München entschieden. Die Antwort mag in der Sache richtig sein, aber die Fragen hätten mehr Empathie verlangt.

Die AfD frohlockt in den Sozialen Medien nach Merkels Auftritt. So sehr, wie sich das Merkel-Lager nach diesem Donnerstag bestätigt fühlen wird, so werden es wohl auch ihre Kritiker tun. Sie wolle die AfD-Wähler durch Taten davon überzeugen, wieder zu den anderen Parteien zurück zu kehren, sagte Merkel. Doch Taten allein werden nicht reichen.

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