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Kommentare

Kommentar: Mehr als nur ein Missverständnis

Wieder ein Trainerwechsel, kein Teamgeist, zornige Fans - Schalke 04 braucht dringend einen Radikalumbau. Der einstige Arbeiter-Kult-Verein entfernt sich immer weiter von seinen Wurzeln, kommentiert Joscha Weber.

Benedikt Höwedes am Boden (Foto: Getty)

Saisonende mit Bauchlandung: Schalke fiel noch aus den Champions-League-Plätzen heraus

Man würde sie gerne fragen, wenn das denn noch ginge: Ob die Jugendlichen, die anno 1904 im Schatten des mächtigen Förderturms der Schalker Zeche Consolidation den Verein Westfalia Schalke gründeten, ihren Verein heute noch wiedererkennen? 111 Jahre nachdem der Vereinslegende nach ein paar 14- und 15-Jährige in einem Hinterhof den heutigen Kultverein Schalke 04 aus der Taufe hoben, hat sich viel geändert. Vielleicht zu viel.

Joscha Weber (Foto: DW)

DW-Sportredakteur Joscha Weber: "Heldts Sturheit ist ein Problem für Schalke"

Der einstige Arbeiterklub, der inspirierend und sinnstiftend für eine ganze Region war und ist, ist zu einem modernen Unterhaltungsbetrieb geworden. Russische Gas-Millionen werden seit Jahren in den Verein gepumpt und leider all zu oft ebenso schnell wieder verbrannt. Zahlreiche teure Transferflops und 13 Trainer in 13 Jahren

(Nummer 14 wird aktuell gesucht)

zeugen von einer wankelmütigen und unglücklichen Personalpolitik. Apropos: 78 Millionen Euro soll allein der Lizenzspielerkader jährlich kosten - teurer ist nur das Star-Ensemble des FC Bayern München (aber auch deutlich erfolgreicher). Schalke zahlt seinem Personal trotz drückender Schuldenlast (stattliche 163,9 Millionen Euro) sehr viel Geld - aber wofür?

Streitereien in der Kabine als Symptom einer tiefen Krise

Für Leistung jedenfalls nicht. Die Champions-League-Qualifikation verspielte Schalke

mit blutleeren und lustlosen Auftritten

sowie einem Konzepttrainer ohne Konzept. Roberto Di Matteo kam mit klingendem Namen, einem Champions-League-Titel und vielen Ideen. Er ging ohne Erfolgserlebnis oder gar Titel, dafür aber wohl - typisch Schalke - mit einer ordentlichen Abfindung. Zurückbleibt eine teilweise zerstrittene Mannschaft, die zuletzt kaum Leidenschaft auf dem Rasen zeigte, sich dafür in der Mannschaftskabine aber gegenseitig heftig anpflaumte. Mit Sidney Sam und Kevin-Prince Boateng flogen deswegen zwei namhafte (und teure) Spieler aus dem Kader. 11 Freunde müsst ihr sein - seid ihr aber nicht.

Trainer Roberto Di Matteo und Horst Heldt (Foto: dpa)

Erst die Lösung, dann ein Missverständnis: Ex-Trainer Di Matteo war Heldts Wunschkandidat

Die Streitereien sind ein Symptom für die Krise des FC Schalke 04. Das Hauptproblem von Königsblau tritt aber gar nicht gegen den Ball. Die Strukturen wurden von zwei Personen geschaffen, die weiter die Geschicke des Vereins lenken wollen: Sportvorstand Horst Heldt und Vereinsboss Clemens Tönnies. Der gelernte Kfz-Mechaniker Heldt schraubt seit Jahren ziemlich erfolglos am Kader herum, tauscht Einzelteile aus, kauft vermeintliche Tuningartikel, die dann schnell auch wieder Schrott sind. So bleibt der teure S04-Sportwagen leider dauerhaft in der Werkstatt. Die Verpflichtung Di Matteos nannte Heldt vor acht Monaten noch die Lösung, nun ein "Missverständnis", das er zu verantworten habe - es aber nicht tut. Heldt will trotz der Kritik und des Unmuts gegen ihn von Seiten der Fans weitermachen - ein Problem für Schalke.

Der Glaube an die Heilkräfte des Geldes

Apropos weitermachen: Clemens Tönnies will weiter auf Schalke investieren. Noch Anfang des Jahres schwadronierte er von Zahlen jenseits der 100 Millionen, die er jährlich in den Kader stecken wolle. Wie das nun ohne Champions-League-Teilnahme gehen soll, bleibt sein Geheimnis. "Fakt ist: Geld schießt Tore", sagte Tönnies kürzlich und bringt damit wohl eindeutig die neue Schalker Mentalität auf den Punkt: Kultiger Arbeiterverein mit Bodenhaftung, das war einmal. Heute ist Schalke leider: finanzieller Größenwahn ohne langfristiges Konzept und Spieler mit Söldnermentalität. Von seinen Wurzeln hat sich S04 ziemlich weit entfernt.

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