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Nahost

Kommentar: Mediale Zerrbilder des Nahost-Konflikts

Der einzige Rechtsstaat in Nahost kämpft lediglich gegen Terroristen? Die deutschen Medien zeichnen vielfach ein zu einseitiges und einfaches Bild des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern, meint Loay Mudhoon.

"Hamas-Funktionäre im Visier", "Krieg gegen radikale Palästinenser", "Hass auf Hamas", " Israels Krieg gegen Hamas" - so oder ähnlich betitelten die meisten Medien hierzulande ihre Berichte über die neueste Runde der militärischen Konfrontation im Nahen Osten. Diese Sichtweise ist jedoch problematisch - und zwar in mehrfacher Hinsicht.

Erstens suggeriert sie eine Ausgewogenheit, die in Wirklichkeit nicht existiert. Nach dem Motto: Zwei Kriegsparteien beschießen sich gegenseitig mit Raketen; dass dabei unschuldige Zivilisten auf beiden Seiten sterben, ist zwar bedauerlich, lässt sich aber leider nicht vermeiden. Zumal mit dem Einmarsch der israelischen Armee in den Gaza-Streifen nun abermals eine neue Eskalationsstufe erreicht ist.

Vor allem palästinensische Zivilisten leiden

Dass unter dem Einsatz massiver Gewalt hauptsächlich die schutzlose Zivilbevölkerung im Gazastreifen leidet, wird zwar allgemein zur Kenntnis genommen, ändert an der Praxis der realitätsfremden Gleichsetzung der beiden Kriegsakteure jedoch kaum etwas.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, sei an dieser Stelle ausdrücklich betont: Es geht nicht um eine zynische Aufrechnung von Opferzahlen. Jedes Opfer ist eines zu viel! Und Gewalt ist stets und grundsätzlich als Mittel zur Austragung von Konflikten abzulehnen. Dennoch führt diese Gleichsetzung dazu, dass bei vielen Arabern und Muslimen das Gefühl entsteht, dass das Leben eines Palästinensers weniger wert ist.

Hamas ist nicht Al-Kaida

Zweitens: In vielen europäischen Medien wird die Hamas ausschließlich als "Terror-Organisation" dargestellt, die nur das Ziel habe, wahllos unschuldige israelische Bürger zu töten und damit eine "Kultur des Todes" propagiere. Und noch problematischer wird es, wenn die islamistische Organisation, die nur in den Palästinensergebieten aktiv ist, mit global agierenden Terroristen vom Schlage Al-Kaidas gleichgesetzt wird.

Deutsche Welle Kultur Hintergrund Qantara Loay Mudhoon

Loay Mudhoon, Leiter des Dialog-Portals Qantara.de

Natürlich ist die Hamas ein ideologischer Ableger der Muslimbruderschaft. Sie ist aber auch ein Produkt des Scheiterns des Friedensprozesses und dem Fortbestand der völkerrechtswidrigen Besatzung, unter der sich die palästinensische Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten radikalisiert hat. Und sie hat darüber hinaus neben ihrem bewaffneten Flügel einen politisch-pragmatischen Flügel. Dieser zieht Verhandlungen vor und stellt die Mehrheit der palästinensischen Abgeordneten. Aber noch wichtiger ist: Israel hat mehrfach mit der Hamas indirekt verhandelt und dabei tragfähige Ergebnisse erzielt.

Der wahre Kern des Nahostkonflikts

Drittens ist die Perspektive hiesiger Medien auf die neue Spirale der Gewalt nicht zuletzt deswegen problematisch, weil sie durch eine ausschließliche Fixierung auf die Hamas als eine "irrationale und aggressive Terror-Organisation" den nationalen Kampf der Palästinenser um Selbstbestimmung und Eigenständigkeit auf einen Kampf zwischen Israel und Terroristen reduziert.

Durch diese Perspektive geht der Blick auf den politischen Kern des Nahostkonflikts verloren: Den Kampf der Palästinenser für einen eigenen Staat. Damit dürfte auch die Verwirklichung der international favorisierten Zweistaatenlösung in weite Ferne rücken.

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