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Kommentare

Kommentar: Marx, Markt und Kunst

Die älteste Kunstschau der Welt gibt sich politischer denn je - und geht auf Distanz zum System. Rainer Traube fragt sich, wie künstlerische Rebellion, ein gieriger Kunstmarkt und der Zauber von Venedig zusammenpassen.

Warum pilgert die Kunstwelt nach Venedig, um sich wie im Fieberwahn durch überfüllte Kunsthallen, Länderpavillons und umfunktionierte Palazzi zu drängen? Die Party-Theorie reicht nicht. Das Spiel des Sehens und Gesehenwerdens im milden Licht der Lagune erklärt nur einen Teil des Erfolgs der Biennale di Venezia. Allein wegen kostenloser Sardellenhäppchen und gekühlter Bellinis auf einer Terrasse über dem Canal Grande nähme kaum einer die Mühen der Anreise in Kauf.

Es ist schon kurios: Okwui Enwezor, charismatischer Ausstellungsmacher mit nigerianischen Wurzeln, Direktorenjob am Münchner Haus der Kunst und New Yorker Wahlheimat, verwöhnt die Besucher nicht. Im Gegenteil, er fordert sie mit Kunst, zu der man Texte lesen muss, um etwas zu verstehen. Und er überfordert sie mit der vollgepacktesten Biennale aller Zeiten. Und doch wollen alle mitspielen.

Anstrengende Kunstexpedition
Dabei ist nur wenig Spektakel auf dieser ältesten aller Kunstschauen. Jeff Koons hochglanzpolierte Ballonhunde fehlen ebenso wie dramatische Großinstallationen von Olafur Eliasson oder millionenschwere Auktionsstücke von Gerhard Richter. Stattdessen darf sich der gebildete Kunst-Jet Set an Harun Farockis systemkritischen Filmen über die Arbeitswelt abarbeiten, und wer als Student die Lektüre von Karl Marx versäumt hat, kann das im Zentralpavillon der Schau nachholen. Dort wird "Das Kapital" vorgelesen, komplett und in Englisch, einen ganzen Sommer lang. Die Biennale ist über weite Strecken eine strapaziöse Expedition in den zeitgenössischen Kunstdschungel, untermalt vom Hintergrundrauschen allgegenwärtiger Kapitalismus-Kritik.

Rainer, Traube, Leiter von DW-TV

Rainer Traube, Leiter der Redaktion Kultur.21

Doch gerade was so eminent gesellschaftskritisch daherkommt, erweist sich bei genauerem Hinschauen als recht unverbindlich. Wer genug gehört hat von Marx, schlendert weiter und landet vor einem großen Bild von Thomas Gursky. Aus digital komponierter Vogelperspektive erfasst das Objektiv des Düsseldorfer Fotokünstlers ein Heer vietnamesischer Korbarbeiter in einer Riesenhalle. Aha! Kritischer Kommentar zu den Arbeitsbedingungen des globalen Kapitalismus, denkt der durch die Lektüre von Kuratorentexten geschulte Biennale-Besucher, während aus der Lesehalle noch Textfetzen aus dem "Kapital" herüber wehen.

Markt und Marx

Dass solche Bilder gleichzeitig zu den Trophäen des geldbesessenen Kunstmarkts zählen (in guten Jahren geht ein Gursky schon mal für vier Millionen Dollar über den Auktionstisch), dämpft eventuell aufkommende Empörung dann schnell wieder. Marx und Markt passen in der Kunstwelt ebenso gut zusammen wie Gesellschaftskritik und Glamour.

Und nirgends biegt dieser "Radical chic" so elegant um die Ecke wie in Venedig. Auch deshalb steckt ein Oligarch und Kunstmagnat wie Viktor Pinchuk sein Geld in einen Venedig-Pavillon mit klugen, kritischen jungen Künstlern aus der Ukraine. Das macht glücklicher, als mit dem Helikopter Bären zu erschießen.

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