Kommentar: Marx als Konsumartikel | Kommentare | DW | 06.03.2018
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Marx-Statue in Trier

Kommentar: Marx als Konsumartikel

In Trier soll anlässlich des 200. Geburtstages von Karl Marx ihm zu Ehren eine große Bronzenstatue aufgestellt werden. Dabei ist Marx heute nur noch ein Artikel von vielen im globalen Supermarkt, meint Zoran Arbutina.

Karl-Marx-Statue Dummy (picture-alliance/dpa/H. Tittel)

So wird die neue Karl-Marx-Statue in Trier aussehen

Nun kommt also zusammen was zusammen gehört: Trier, die Geburtsstadt von Karl Marx, bekommt anlässlich seines 200. Geburtstages eine Statue des berühmten Sohnes. Sie ist, wie es sich gehört, aus Bronze und zeigt den großen - na ja, was? Philosophen? Revolutionär? Agitator? - in einer heroischen Pose, nach vorne schreitend, mit dem entschlossenen Blick in eine bessere Zukunft. In der linken Hand hält er ein Buch, "Das Kapital".

Wenn schon die Statue die Stadt schmücken soll, dann eben richtig und nicht nur ein bisschen. Deswegen wird sie zusammen mit Podest 5.50 Meter groß sein und im Zentrum der Altstadt stehen, unweit des bisherigen Wahrzeichens der Stadt, der berühmten römischen Porta Nigra.

Ein Guter? Oder doch ein Böser?

Nun scheint, wenn es um Karl Marx geht, kein Superlativ zu groß zu sein. Sein zentrales Werk "Das Kapital" gilt als eines der einflussreichsten Bücher der modernen Geschichte, während das viel kleinere und wesentlich lesbarere Büchlein "Das kommunistische Manifest" zeitweise zur Pflichtlektüre für zwei Drittel der Weltbevölkerung avancierte. Auf dem Höhepunkt der sozialistischen und der kommunistischen Bewegung in den 1970er Jahren beriefen sich weltweit Regierungen in 60 Staaten auf die Lehre von Karl Marx. Abermillionen von Menschen auf dem ganzen Globus verbanden mit seinem Namen Hoffnung auf eine bessere und gerechtere Zukunft. Es ging um Freiheit und Menschenwürde.  

Arbutina Zoran Kommentarbild App

DW-Autor Zoran Arbutina

Religion war für ihn Opium fürs Volk. Was seine Gefolgsleute nicht davon abhielt, ihn als Säulenheiligen zu verehren. Nach seinem Tod schuf man eine dogmatische Ersatzreligion und nannte sie "Marxismus". In ihrem Namen wurden einige der schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen - Völkermorde, Massenerschießungen und flächendeckende Deportationen inklusive. Gleichzeitig wurden ähnlich schlimme Verbrechen begangen, um sie zu bekämpfen.

Eine Projektionsfläche für die Welt

Inwieweit er für das alles, was in seinem Namen geschah, für das Emanzipatorische und das Verbrecherische, verantwortlich gemacht werden kann, ist allerdings seit Jahrzehnten eine offene Frage. Seine Apologeten behaupten, Marx sei von Diktatoren und Despoten nur missbraucht und instrumentalisiert worden. Die Kritiker halten dagegen und sehen die Diktatur schon in den Grundlagen seines Denkens angelegt. Nicht zuletzt war er derjenige, der von einer "Diktatur des Proletariats" träumte.

Wahrscheinlich ist eher, dass Marx weder ein Prophet, noch ein Dämon war, sondern vielmehr eine Projektionsfläche auf die jeder das Bild zeichnet, welches ihm am besten passt. So wie in der Geschichte der kommunistischen und sozialistischen Bewegungen das Befreiende und das Unterdrückende oft so nah beieinander lagen, dass man den Übergang von einem zum anderen oftmals kaum wahrnahm, so konnte jede Seite in seinem opulenten Werk passende Passagen für die Legitimation ihres Tuns finden. Und auch heute, 200 Jahre nach seiner Geburt und 150 Jahre nach dem Erscheinen seines zentralen Werkes "Das Kapital", ist die Marx-Rezeption zunehmend beliebig. Längst ist sein Name samt Konterfei zum Markenartikel degeneriert.  

Karl Marx - Feine Schokoladentafel (DW/Z. Arbutina)

Karl-Marx-Edelschokolade - Erhältlich im Marx-Shop in Trier

Kapitalismuskritik im Marx-Shop

Und die Statue von Trier ist dafür ein leuchtendes Beispiel. Sie ist ein Geschenk aus China. Es war ein Angebot, dem sich die Trierer Stadtväter nur schwer entziehen konnten. Nach den ursprünglichen Plänen der Schenker, sollte die Staue sogar 80 Zentimeter höher werden. Was nur konsequent ist, denn das große Land im fernen Osten ist zwar eine wirtschaftliche Weltmacht, in der ein kaum gezügelter und erbarmungsloser Kapitalismus um sich greift, das sich aber gleichzeitig kommunistisch nennt. Denn schon in der Präambel der Verfassung berufen sich die Chinesen auf den Marxismus.

Sie wiederum gehören zu einer wichtigen Touristengruppe, die die kleine Stadt in der Weinregion Mosel regelmäßig besuchen. Wenn sie jetzt durch das römische Tor Porta Nigra in die Altstadt kommen, wird ihnen gleich um die Ecke Karl Marx persönlich den Weg zu seinem Geburtshaus weisen. Und wenn sie dort ankommen, und keine Zeit oder keine Lust haben, die bürgerliche Einrichtung der Marxschen Kinderstube zu bestaunen, können sie gleich am Eingang in den Marx-Shop  abbiegen. Da gibt es kleinere und größere Marx-Büsten zu kaufen, in schwarz oder in gold, es gibt Einkaufstaschen mit aufgedruckten Texten des Kommunistischen Manifestes,  und "Karl-Marx-Edelschokolade", in rot, auch mit chinesischen Schriftzeichen - die 100-Gramm-Tafel für 4.95 Euro. Und bald wird es bestimmt auch kleine Repliken der neuen Marx-Statue geben. Es stammt zwar nicht von Marx, ist aber vielleicht in seinem Sinne: Money makes the world go round. Mit dem Kapital kannte sich Karl Marx ja aus.

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