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Deutschland

Kommentar: Lieber Grundwehrdienst light als freiwillige Wehrpflicht

Die Wehrpflicht hat viele Freunde in Deutschland - den Bundespräsidenten, die Kanzlerin und bisher auch die Spitze der Sozialdemokraten. Trotzdem ist das Modell in der heutigen Form nicht zu retten. Ein Lösungsvorschlag.

Themenbild Kommentar , Quelle: AP

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs hat Deutschland den großen Feind verloren - und die Militärplaner das Interesse für Massenheere. Die äußere Bedrohung aber ist der Dreh- und Angelpunkt der Wehrpflicht, die massiv in das Leben der Bürger eingreift. Die kleinen Parteien haben diese Logik verinnerlicht und fordern seit Jahren eine Berufsarmee. Zumal in Zeiten von Anti-Terror-Kampf und heiklen Auslandsmissionen hoch professionelle Spezialisten gefragt sind.

Und doch hatten auch die Volksparteien gewichtige Argumente für die Wehrpflicht. Für das Nachkriegsdeutschland waren Millionen Rekruten aus allen Gesellschaftsschichten ein Glücksfall, da sie die Bundeswehr einer stetigen Kontrolle unterwarfen und mit gebildetem Nachwuchs versorgten.

Gefährlicher Spagat

Gibt es ein System, das Vor- und Nachteile von Freiwilligen- und Wehrpflichtigenarmee verbindet? Die freiwillige Wehrpflicht der SPD versucht diesen Spagat. Sie will weiter die Bürger erfassen und mustern, aber in die Kaserne rückt nur ein, wer das auch will. Finanzielle Anreize oder Vorteile bei der späteren Studienplatzwahl sollen ausreichend Nachwuchs garantieren. Genau hier aber liegt die Schwäche des Systems. In den geburtenschwachen Jahrgänge wird der Kampf mit Universität und Wirtschaft um den Nachwuchs für die Bundeswehr zu einer teuren Angelegenheit.

Schon heute leiden viele Berufsarmeen unter der kostspieligen und mühsamen Nachwuchsgewinnung. Die freiwillige Wehrpflicht hätte das gleiche Problem ohne einen wichtigen Vorteil der Berufsarmee zu kopieren – den Verzicht auf das teure Erfassungs- und Musterungswesen.

Einstieg in den Ausstieg

Der allzu strenge Blick auf das SPD-Modell lohnt indes nicht, denn das Konzept dient der einstigen Wehrpflicht-Partei vor allem als gesichtswahrender Einstieg in den Ausstieg. An dessen Ende steht in Deutschland die Berufsarmee – wie lang der Weg dorthin wird, hängt nun davon ab, wie wirksam die verbliebenen Wehrpflicht-Anhänger in der Union Widerstand leisten.

Für den Nachwuchs ist der Einstieg in den Ausstieg eine erfreuliche Nachricht – für die Bundeswehr nicht. Schon jetzt diskutieren die Deutschen erschreckend wenig über Sinn und Ziel der weltweiten Missionen ihrer Soldaten. Mit einer Profi-Armee wird sich die Distanz zwischen Armee und Gesellschaft vergrößern und der Bundeswehr ein wichtiger Rekrutierungsweg entzogen.

Es gibt Vorbilder

Klar ist aber auch: In ihrer heutigen Form ist die Wehrpflicht in Deutschland juristisch und politisch nicht zu retten. Denkbar wäre aber dem Vorbild der Nachbarn zu folgen: In der Schweiz zwingt die Armee den Nachwuchs für vier Monate in die Kasernen, in Österreich für sechs. Auch in Deutschland wäre dieser Grundwehrdienst light eine Option für das 21. Jahrhundert – für die Umsetzung bräuchte die Wehrpflicht jetzt allerdings endlich richtige Freunde.

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