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Welt

Kommentar: Lateinamerika, wach auf!

Antiamerikanismus allein ist noch kein Erfolgsrezept. 100 Jahre nach der Eröffnung des Panamakanals zeigt sich, dass auch gegenüber chinesischen Großprojekten Skepsis angebracht ist, meint Astrid Prange.

Xi Jinping in Venezuela (Foto: REUTERS/Jorge Silva)

Chinas Staatspräsident Xi Jinping zu Besuch bei Venezuelas Staatsoberhaupt Nicolas Maduro im Juli dieses Jahres

Erst Spanien, dann die USA und jetzt China. Die neuen "Kolonialherren" Lateinamerikas kommen aus dem Reich der Mitte. Zahlen und schweigen, lautet die Devise Chinas, und viele Länder in der Region nehmen das Geld gerne an. Sie entschädigen die asiatische Supermacht dafür mit dem Zugang zu ihren Rohstoffen und Transportrouten.

Jüngstes Beispiel für die Machtverschiebung ist Chinas Milliardenprojekt in Nicaragua. Eine Firma namens "Hong Kong Nicaragua Canal Development Investment" (HKND) will dort eine Wasserstraße zwischen Atlantik und Pazifik graben.100 Jahre nach seiner Eröffnung soll der Panamalkanal also Konkurrenz bekommen.

Für den Traum vom "Gran Canal" in Nicaragua verabschiedete das Parlament in Managua im Juni 2013 ein Gesetz, dass der chinesischen Firma HKND für die kommenden hundert (!) Jahre die Rechte für den Bau und den Betrieb des Kanals überträgt.

278 Kilometer lang soll die neue Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik werden, also dreimal so lang wieder Panamakanal. Hunderttausende Hektar Regenwaldfläche werden abgeholzt, und eine neue Ölpipeline und Eisenbahnstrecke gleich mitverlegt.

Deutsche Welle Astrid Prange De Oliveira

Astrid Prange, Redakteurin bei DW-Brasilianisch

Ein Blick auf die Geschichte des Panamakanals zeigt, dass Mammutprojekte für kleine Länder meistens eine höchst riskante Angelegenheit sind. Denn solange Washington den Kanal verwaltete, profitierten vor allem die USA von den Einnahmen und nicht die Bevölkerung Panamas.

Nicaraguas Präsident José Daniel Ortega scheint dies nicht anzufechten. Und er befindet sich damit in bester lateinamerikanischer Gesellschaft. Auch in Ecuador haben chinesische Unternehmen die Lizenz zum Abbau von Rohöl erhalten – mitten im Gebiet des Nationalparks Yasuní.

Venezuela, Kuba, Argentinien und Bolivien gehören ebenfalls zum Einflussbereich Chinas.Die krisengeschüttelten Länder Lateinamerikas verkaufen die "Kooperation" mit Peking als Widerstand gegen Washington. Endlich würden die "Gringos", wie US-Amerikaner in der Region genannt werden, in die Schranken gewiesen. Endlich weise der Kampf gegen Neoliberalismus und US-Imperialismus Erfolge auf.

Doch hinter den Verschwörungstheorien und den markigen Sprüchen offenbart sich oft mangelnde Regierungsfähigkeit. So stürzte der sogenannte Sozialismus des 21. Jahrhunderts Venezuela in eine tiefe Wirtschaftskrise. Das Erdölexportland verfügt kaum noch über Devisen für seine Importe.

In Argentinien führte die Wirtschaftspolitik von Präsidentin Cristina Kirchner und ihres Vorgängers zum zweiten Mal innerhalb von 12 Jahren zur technischen Zahlungsunfähigkeit des Landes.

Es stimmt: Die "progressiven" Regierungen Lateinamerikas haben sich vom Diktat Washingtons befreit. Doch die wirtschaftliche Selbstständgkeit lässt weiter auf sich warten. Stattdessen wächst die Abhängigkeit von Peking. Anti-Amerikanismus allein ist noch kein Erfolgsrezept. Das Beispiel Panama zeigt, dass der Kampf für politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit lang und zäh ist. Wach auf Lateinamerika!