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Kommentare

Kommentar: Kultur des Todes

Seit einem Jahr beherrscht der "Islamische Staat" die Schlagzeilen. Jetzt wird im Irak gerade die kommende Dschihadisten-Generation ausgebildet. Die dürfte noch grausamer sein als die derzeitige, meint Kersten Knipp.

Wenn Kinder die Zukunft sind, sieht es für Teile des Irak und Syriens düster aus. Es häufen sich Berichte, nach denen die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) Kinder aus Waisenhäusern entführt, in entlegene Trainingscamps bringt und dort zu Kämpfern, besser: Kampfmaschinen ausbildet. Auch Kinder von Gefangenen oder in Gefangenschaft geborene Kinder landen Berichten von Augenzeugen zufolge in solchen Lagern. Dort werden sie in den salafastischen Islam dschihadistischer Prägung eingeführt und im Umgang mit Waffen und Sprengstoff ausgebildet. Vor allem aber legen die Erzieher Wert auf die psychische Abhärtung und systematische Brutalisierung ihrer Zöglinge. Die erfolgt durch öffentliche Hinrichtungen, bei denen die Kinder zunächst Zuschauer sind. Sehr bald müssen sie dann selbst Hand anlegen.

Die Ausbildung der entführten Kinder, die Zerstörung ihrer Psyche und gnadenlose Abrichtung zeigt in aller Deutlichkeit, mit wem man es beim IS zu tun hat: Es handelt sich um eine Gruppe, die alle menschlichen Prinzipien mit den Füßen tritt, der keine Taktik zu brutal, keine Strategie zu zynisch ist, um sie ihren Zwecken nicht dienstbar zu machen.

Ausbeutung der Religion

Der IS schreckt nicht einmal vor der Ausbeutung dessen zurück, was er nach außen als höchsten Wert deklariert: der Religion. Eine der zentralen Gründergestalten des IS, Haji Bakr, alias Samir Abed al-Mohammed al-Khleifawi, war ein Oberst in den Diensten des gestürzten Diktators Saddam Hussein. Zum Islam hatte er dem Vernehmen nach ein eher gleichgültiges Verhältnis - um es zurückhaltend auszudrücken. Zugleich war der im Januar 2014 getötete Kommandant ein begnadeter Stratege. Als solcher wusste er, wie er die Religion seinem Zweck, dem Ausbau seiner persönlichen Macht, dienstbar macht.

Zehntausende sind seinem Ruf gefolgt - teils aus religiöser Überzeugung, teils, um ihren brutalen Sadismus auszuleben: Folter, Vergewaltigung, launenhafte Entscheidungsgewalt über Leben und Tod. Gut 200 Jahre nach seinem Tod feiert der Marquis de Sade im Irak eine triumphale Wiederauferstehung.

Demoralisierte Armee

Die Informationen über den Kampfgeist der Dschihadisten sind widersprüchlich. Es gibt auch Berichte, denen zufolge viele längst nicht so todesverachtend sind wie häufig angenommen. Statt selbst in den Kampf zu ziehen, schicken sie die besonders blindwütigen Fanatiker in ihren Reihen vor - demnächst dann auch die Kinder, deren Seelen sie derzeit zerstören. Noch aber reicht ihre Kraft, sich im Irak zu halten und Boden zu gewinnen.

Knipp Kersten Kommentarbild App

DW-Redakteur Kersten Knipp

Das liegt auch an der Schwäche der irakischen Armee, deren Feuerkraft längst nicht so stark ist, wie die milliardenschwere Förderung durch die USA vermuten ließe. Vor allem aber ist diese Armee gründlich demotiviert. Die gemäßigten irakischen Sunniten nehmen sie mehr und mehr als einen von Schiiten kommandierten Kampfverband wahr, der nicht so sehr den Interessen des gesamten Landes, sondern einer konfessionellen Gruppe, eben den Schiiten, dient. Deren weiterer Vorherrschaft wollen sie durch den Dienst in der Armee nicht noch zuarbeiten. Daran können auch die britischen und amerikanischen Militärausbilder nichts ändern, ebenso wenig die Kampfjets, die die IS-Stellungen bombardieren.

Abschied vom Chauvinismus

In anderen Worten: Letztlich ist die Herausforderung "Islamische Staat" nur politisch zu überwinden. Der IS entstand aus dem Versagen der Politik. Er formierte sich als Reaktion auf den misslungenen Versuch eines politischen Neustarts nach der US-Invasion 2003. Selten wohl hat es eine größere Diskrepanz zwischen einer hochprofessionellen und hochgerüsteten Armee auf der einen und einer politischen, gesellschaftlichen und theologischen Ignoranz gegeben wie im Umfeld dieser Invasion. Mag der Sturz Saddam Hussein noch hinnehmbar gewesen sein - der Dilettantismus, mit dem die Amerikaner das Land anschließend wieder auf die Beine stellen wollten, war es nicht.

Dieser Dilettantismus gebar das Monster IS - ein Monster, das kurzfristig allein militärisch, langfristig aber nur durch eine entsprechende Politik zu besiegen ist. Wesen dieser Politik muss der gleichberechtigte Status aller konfessionellen und ethnischen Gruppen im Irak sein. Das ist, am derzeitigen Chauvinismus gemessen, keine geringe Herausforderung für die Akteure vor Ort. Dafür ist sie aber eindeutig definiert. Der Schlüssel für die künftige Entwicklung liegt in Bagdad, genauer: bei Regierung und Parlament. An ihnen liegt es, wie die irakischen Kinder in Zukunft aufwachsen werden.

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