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Deutschland

Kommentar: Konservative Männer sehen Rollenbilder in Gefahr

Familienministerin Ursula von der Leyen will berufstätige Mütter mit zusätzlichen Kinderkrippenplätzen unterstützen. Liebgewonnene Rollenstereotypen sind in Gefahr, meint Ulrike Mast-Kirschning.

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Der Vorschlag der CDU-Politikerin ist noch keine Revolution - lediglich ein Drittel der Eltern in Deutschland würde am Ende einen Krippenplatz für ihre Kleinkinder in Anspruch nehmen können. Doch zeigt die Heftigkeit der Reaktion einiger prominenter Politiker, vor allem der CDU, dass offenbar mehr dahinter steckt. Und genau das hatte die Familienministerin ja auch bereits vor ihrem Amtsantritt öffentlich angekündigt: Sie stehe für eine Politik, die in Zukunft von Männern und Vätern ähnliche Verantwortung in der Familie verlangen werde, wie von den Frauen.

Schluss also mit dem heimeligen Familienidyll der 50er Jahre in der alten Bundesrepublik, in der die Frauen die Kinder bekamen und großzogen und die Männer das Geld verdienten und die wichtigen Entscheidungen trafen? Durchaus, denn dieses Bild ist zwar verstaubt aber aktuell. Die allgemeine Verunsicherung über die Auswirkungen des globalen Zeitalters hat es geradezu wiederbelebt: Eine gewiefte TV Moderatorin landete mit einer Beschwörung dieses Frauenbildes kürzlich einen Buchbestseller.

Rabenmutter-Klischee

Dazu gehört auch die Rabenmutter, die schlechte Mutter also, die ihr Kind im Kleinkindalter nicht selbst betreut, sondern in fremde Hände, in Kinderkrippen abgibt. Dass dies den Kindern grundsätzlich schadet, ist eher ein Mythos als eine wissenschaftlich begründete Tatsache, aber die jungen Mütter, die schon aus finanziellen Gründen weder eine Kinderfrau einstellen, noch ein Au-pair-Mädchen beschäftigen können, müssen deshalb letztlich die Rolle am heimischen Herd akzeptieren.

Bitter ist daher die Erfahrung vieler junger Frauen in Deutschland, die sich anderes für ihr Leben wünschen: Sie gehören zwar der am besten ausgebildeten Frauengeneration an, scheitern aber dennoch an der so genannten gläsernen Decke, dem unsichtbaren Widerstand, der sie hindert in die Top-Positionen in Wirtschaft und Wissenschaft zu gelangen. Statistisch gesehen hat Deutschland hier in Europa die rote Laterne - ähnlich wie in Sachen Bezahlung. Für berufstätige Frauen gibt es noch lange nicht den gleichen Lohn für gleiche Arbeit, mit allen Folgen auch für ihre wirtschaftliche Abhängigkeit vom Lebenspartner.

"Alte Jungs" wollen unter sich bleiben

Spätestens seit die statistische Geburtenrate deutlich sinkt und die Angst vor dem Aussterben der Deutschen vor allem in konservativen Gesellschaftsschichten steigt, wird die Vereinbarkeit von Beruf und Familie propagiert. Ein modernes Leitbild, das sich alle Parteien inzwischen auf die Fahnen geschrieben haben. Am Rollenbild der Männer hat das aber bislang wenig geändert. Die Zahl der Hausmänner ist weiterhin minimal und die Teilzeitjobs weiterhin fest in Frauenhand. Kein Wunder, denn die Organisation der Arbeit in den Betrieben und die Verteilung der Ressourcen in der Gesellschaft wird nach wie vor im Old-boys-Network entschieden, dort, wo die Luft für die Frauen nicht nur in Deutschland meist recht dünn ist.

Familienministerin von der Leyen will das Rollenbild der Männer ändern und greift damit tief in die Strukturen und das Selbstverständnis der heute ansonsten offenen, liberalen und toleranten deutschen Gesellschaft ein. "Für Männer, die sich diesem neuen Rollenbild in der Familie verweigern, werde es in Zukunft schwerer werden, eine Partnerin zu finden", warnte die Ministerin bereits vor zwei Jahren in einem Zeitungsinterview.

Kampf um neue Wählerschichten

Mag sein, dass ihre prominenten Kritiker sich zu Recht vor Überforderung der Anhängerschaft in den christlichen Parteien fürchten. Immerhin hat das auf den traditionellen Rollenstereotypen basierende Familienbild bislang eine große Bindekraft gehabt. Es zu überwinden ist allerdings längst eine menschenrechtliche Verpflichtung: Der CEDAW-Ausschuss der Vereinten Nationen, der das Abkommen zur Beseitigung jeglicher Diskriminierung von Frauen überwacht, hatte der Bundesregierung bereits 2005 seine Sorge "über das Fortbestehen der allgegenwärtigen stereotypen und konservativen Ansichten über die Rolle und Aufgaben von Frauen und Männern in der deutschen Gesellschaft" begründet und Veränderung gefordert.

Die Familienministerin hat in Sachen Krippenplätze Standhaftigkeit angekündigt und Bundeskanzlerin Merkel Unterstützung. Das könnte sich auszahlen und der CDU auch neue Wählerschichten erschließen - zum Beispiel bei den Frauen. Denn bis auf ein Drittel waren die CDU und CSU-Wähler bislang männlich. Deshalb melden sich auch viele Unterstützer der Familienministerin inzwischen öffentlich zu Wort. Eine zukunftsfähige Gesellschaft wird im Zeitalter der Globalisierung um eine aufklärende Debatte ihrer Rollenstereotypen kaum herumkommen - eben auch nicht in Deutschland.

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